Rainer Maria Rilke

Bettys Sonntagstraum

»Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag« Zählte die kleine, blasse Konfektioneuse in ihrem Kämmerchen im 5. Stockwerke. »Fünf Tage noch.« Es war ja schon Montag abend. Sogar spät am Abend. Betty aber nähte noch fleißig. Die Maschine knatterte und die kleine Öllampe schaute verdrossen drein und paffte von Zeit zu Zeit ihren Unmuth in die Luft. – Das Mädchen mit den eingefallenen Wangen aber kümmerte sich nicht darum. Ihre Gedanken waren weit weg. – Seit drei Monaten war sie jetzt in der Hauptstadt, freilich viel wusste sie nicht davon. Ihr Weg ging früh ins Geschäft durch die kleinen eckigen Seitengassen und abends wieder nachhause fünf Treppen hoch in ihr graues, winziges Stübchen. Aber sie verdiente hier viel mehr, als in der Provinz. Und unwillkürlich warf sie einen Blick auf die wohlverschlossene Lade der alten schiefen Commode, in welcher ihre kargen Ersparnisse lagen. – Dann nähte sie weiter. Und es kam ihr in den Sinn, dass sie sehr, sehr fleißig sein müsse; – wenn diese Groschen sich mehren und zu einem Sümmchen heranwachsen, dann würde sie ihrem Karl sagen: »So, jetzt, jetzt können wir heiraten.« Und die helle Freude schoss ihr in die Wangen – beim bloßen Gedanken daran. Er wird sie doch sicher heirathen, ihr Karl? Sicher. Hat ers ihr denn nicht hundertmal versprochen, wenn er sie im Provinzstädtchen früh zur Arbeit begleitete? Ja, ganz gewiss. Nun und jetzt, war er ja gar auch in die Hauptstadt gekommen – ihretwegen natürlich. Gestern Sonntag waren sie beisammen und über eine Woche … und die kleine begann wieder an den Fingern die Tage bisdahin zu zählen – – – da stand ihr eine große Freude bevor. – Karl wollte sie ins Theater führen. – Ins wirkliche, prächtige Theater. Karl war schon oft drinnen gewesen, früher schon; denn er besaß einen reichen Oheim in der Hauptstadt, der ihn von Zeit zu Zeit eingeladen und dahin u. dorthin mitgenommen hatte. – Betty aber hatte dergleichen noch niemals gesehen. In der kleinen Provinzstadt hatte wohl einmal eine fahrende Truppe ihre Bühne aufgeschlagen; aber das war im rauchigen dumpfigen Wirtshaussaal, und das hatte ihr gar nicht gefallen. – Hier aber … Wie gut doch Carl ist, der ihr solch ein Vergnügen zu machen weiß. Das musste ja wohl ein halbes Vermögen kosten dort eintreten zu dürfen!

Paff! Der Lampe war es endlich doch zu arg geworden. Der letzte Tropfen Öl war versiegt, sie flackerte zuerst auf und – verlöschte.

Betty saß im Dunkel. Die Maschine verstummte; Eine Weile blieb das Mädchen still. Dann begann sie sich rasch zu entkleiden und in wenigen Augenblicken schlüpfte sie unter das große rothgestreifte Deckbett. Sie schloss die Augen und athmete tief auf: … Dienstag, Mittwoch Donnerstag … sie schlief. –

Träume schlichen hinauf in das einsame graue Stübchen. Sie führten die kleine, müde Betty weg in ein hohes, stattliches Haus mit Säulen von lauterem hellem Gold und einem Dach aus eitel Silber … aber wenn sie näher zuschaute, waren es doch eigentlich keine Säulen – da waren es ungeheuere Garnspulen auf denen ein riesiger Fingerhut lastete … und sie lachte hell auf im Traume. Das war doch zu drollig!

*

Mit lauter Zählen, Hoffen und Erwarten kam der Sonntag heran. – Mit einem Freudenschrei hatte die kleine Konfectioneuse den grauen Herbstmorgen begrüßt. – Ein leichter Regen rieselte draußen und die grauen Dächer gegenüber glänzten. Der Rauch aus den Kaminen verflatterte unstät und farblos in der nebelschweren, dicken Luft. – Was kümmerte sie das – heute. – Im Geschäfte machte sie Alles verkehrt, sie, die sonst die Genauigkeit selbst war. Sie zog sich sogar eine kleine Rüge ihres Chefs zu. Aber sie lachte in einem fort. Alles kam ihr so unbegreiflich fröhlich vor. Wie sie im Verkaufsräume fast nur auf die großen Spiegelscheiben der Auslagsfenster blickte, bemerkte sie wie darauf die blanken Regentropfen niederliefen sich begegneten und trennten, sich zusammenfanden oder wieder in neue Geleise auseinanderkollerten, und das kam ihr so unsäglich spassig vor, dass sie eine halbe Stunde lachte bis ihr die hellen Thränen über die Wangen flössen. – Mittag. – Ihr Essen hatte sie achtlos hinuntergestürzt. – Rasch eilte sie heim. So schnell war sie die fünf Treppen noch nie hinaufgeklettert. Oben musste sie auch eine Secunde halten. Ihr Athem flog und auf den Wangen glüthen rothe Flecke. – Aber sie gönnte sich nicht Ruh. In ihrem Zimmerchen begann sie hin und wieder zu laufen. Laden und Kastenthüre klafften weit. Alle Schätze und Herrlichkeiten, die in Linnen wohlverwahrt ruhten sollten heute heraus. »Zieh dich schön an», hatte Karl ihr gesagt. – Die Kleine trippelte und trug alle ihre armseligen verschossenen Kleinodien, die sie von der Mutter her besaß zu Hauf. Das waren ein paar feine, feine Lederschuh, die Mutter hatte sie an der Hochzeit getragen. Dann ein großes Shawl, das wollte sie über ihre Jacke thun, weil die am Kragen besonders schon recht fadenscheinig aussah. Dann legte sie das grüne Kachemirkleid zur Hand. Das sah ja noch ganz gut aus; auf den Hut steckte sie sich noch eine neue Masche auf, und die gewirkten Handschuh durfte sie nicht vergessen. – Dann zog sie sich an. In einer halben Stunde war sie fertig. Sie sah nach der Uhr. Kaum fünf. Sie seufzte. Aber da und dort gab es ja am Anzüge noch zu ordnen, zu richten und zu stecken. Schließlich legte sie um den Hals noch das große Goldkreuz an dem schwarzen Sammetband, das theuerste und wertvollste Erbstück der Mutter.

Dann setzte sie sich nieder. Arbeiten konnte sie nichts mehr. Wie langsam diese Uhr tickte. Und sie begann wieder auf und ab zu trippeln. Trug den Shawl vom Stuhl zum Bette, vom Bette zum Stuhl und glätte(te) jedes Mal die Falten und Fältchen desselben. Richtig! noch ein Seidentuch besaß sie ja. Das wollte sie als Taschentuch mitnehmen. Sie nahm es vor, glättete sorgfältig wieder das Papier, in dem es verhüllt gewesen war, und steckte das Seidenzeug zu sich. –

Endlich war es Zeit. – Zehnmal trat sie wieder u. wieder vor den Spiegel, bis sie sich überzeugt hatte, dass alles gut saß. Der Hut schien ihr selbst wie neu und die altmodische Jacke verdeckte das gelbe Hülltuch; Sie war mit sich zufrieden. – Kaum konnte sie ihre Thür versperren, so zitterte sie vor Freude. Sie stürzte die Treppen hinab. Der Hausbesorger, den sie heftig anstieß im Vorübereilen, fluchte und schaute ihr kopfschüttelnd nach. – Sie war unten. Der Regen hatte aufgehört. Karl stand am Eck. Vom Weiten erkannte sie ihn beim Schein der Laterne. Er trug einen gelben Überrock und sehr rothe Handschuh: Wie vornehm er aussieht, wie ein Graf, dachte Betty und lief ihm lachend entgegen. Sie reichten sich die Hand. Dann gingen sie. Das Mädchen sprach in einem fort. Auch ihr Begleiter war guter Dinge. Sie hätte gern etwas über ihren Anzug gehört; aber er sagte nichts. Eigentlich kränkte sie das. Aber da ward sie eines Gassenjungen gewahr, der in den Pfützen am Rande des Gangsteiges herumtappte. Das war sehr niedlich anzusehen und sie lachte wieder so laut, dass die Leute sich umschauten und Carl ein etwas unwilliges Gesicht machte. –

Das Theater war voll. Die Logen füllten prächtige Toiletten und reiche Uniformen. – Im Parquet war noch ein Kommen und Gehen, Aufstehen und Sesselklappen. Leichte Grüße wurden getauscht hie und da ein paar Worte geflüstert…Wie das Summen eines Bienenstockes klang ein Murmeln durch die hohen, goldgeschmückten, lichten Räume; auf der Gallerie ab und zu laute Stimmen, die heftiges »Pst« hervorrufen. – Betty saß dort oben wie berauscht. Sie musste von Zeit zu Zeit die Augen schließen. Es war ihr, als müsste ihr diese Fülle von Licht das Hirn ausbrennen. Sie war selig. Bald war es ein Bild an der Decke, bald ein Zierrat an der Seite, bald wieder eines der kleinen Amorettchen, das die Brüstung der Gallerie mit Gypsrosen umwand, das ihr Entzücken im höchsten Grade wach rief. Unaufhörlich machte sie Karl auf all die Herrlichkeiten aufmerksam und sprudelte mitten dazwischen Worte des Dankes heraus für die große, große Freude, die er ihr bereitet. Karl schwieg. Er ärgerte sich. Die Leute herum wurden schon aufmerksam und machten ihre Bemerkungen. Neben ihm auf der anderen Seite saß ein junges, schönes Frauenzimmer, die ihn fast mitleidig ansah. Der Commis empfand etwas wie Scham. Er that, als gehe ihn das Geplauder seiner Nachbarin nichts an, und strich mit weltmännischer Gleichgültigkeit in einem fort sein fettes, glattgekämmtes Haar. – Die glückliche Betty aber bemerkte seine Verstimmung nicht. Sie schaute umher in den prächtigen Räumen, betrachtete die vornehmen, reichgekleideten Menschen und ihre ganze kleine, lichtarme Seele war voll Bewunderung Jubel und Dank. –

*

Die letzten Accorde der Operetten-Ouvertüre kletterten kichernd bis zur Gallerie hinauf. Sie schwangen sich auf bis zum barocken Stuck der Decke und schienen dort leise zu zerfließen. Für einen Augenblick rann ein Flüstern und Wispern durch die Weiten, aber das erste Glockenzeichen zerschnitt den Lärm. – Still. Der Vorhang rauschte empor. Betty schaute unverwandt auf die Bühne. Beide Ellenbogen hatte sie auf die Brüstung gelegt und den Kopf in die Hände gestützt. Alles um sich hatte sie vergessen. Dort sah sie eine herrliche Landschaft und reich gekleidete Menschen; und jetzt als Trommeln wirbelten, Trompeten schmetterten und der Chor in einem flotten Antrittslied sich einführte, da glaubte sie vor Seligkeit vergehen zu müssen – auf der Stelle.

Karl sah mit der Miene eines Menschen den nichts mehr überraschen kann, drein. Froh, dass Betty so vertieft war, fand er Gelegenheit sich mit seiner Nachbarin zu beschäftigen, die fest an ihn geschmiegt, – die Sitze sind so eng auf der Gallerie – ins Weite schaute. Er beobachtete sie. Bei den Ringellöckchen fing er an, die tief in die Stirne hinabfielen, streifte mit dem Blicke das zarte Profil mit dem feinen etwas vorlauten Näschen, den hochrothen sinnlich aufgeworfenen Lippen, dann den vom dünnen Satinstoff eng überspannten wogenden Busen und hinab, hinab bis zu dem spitzen vertretenen Lackstiefelchen, das den Takt eines kecken Liedes mechanisch mithämmerte. Zwei, drei Mal wiederholte er dieses Manöver. Beim Dritten Male blieb sein Blick an den blauen großen Augen des Mädchens haften eine ganze, lange Weile. Sie zuckte mit den Schultern und schaute auf. Der Commis ward roth bis über die Ohren und biss sich die Lippen. – Seine Nachbarin aber rückte noch näher an ihn. Er fühlte ihre weiche, warme Schulter, und es durchrieselte ihn vom Scheitel bis zur Sohle. Er empfand wie ihm heiß ward. Langsam wischte er sich mit dem Taschentuch die Stirne. Da wandte sich Betty auf einmal lachend zu ihm: »Schau,« – ihre Augen glänzten – »schau, wie komisch!« Er fuhr wie aus einem Traum, schaute erst ziemlich dumm drein, fasste sich dann und lachte ein wenig mit. – Die kleine Konfektioneuse aber hatte wieder nur Aug‘ und Ohr für die Vorgänge auf der Bühne.

Karls Nachbarin ließ jetzt ihr Taschentuch fallen. Der bereitwillige Galan bückte sich mit verbindlichem Lächeln. Sie sprach ihn an. Er antwortete erst verlegen, dann immer dreister und dreister, und steigerte seine Liebenswürdigkeit endlich bis zu jenem hinreißenden Grade mit welchem er besonders pünktlichzahlende Kunden auszuzeichnen pflegte. Er ließ seiner tropenreichen Rede freien Fluss, sprach von der Schönheit der Frauen und ihren Reizen, wie es in dem Colportageroman stand, dessen schönste Stellen er täglich vor dem Einschlafen auf’s Neue durchlas. Seine Schöne berauschte sich in ihren Sitz zurückgelehnt an dem Weihrauchduft dieser Schmeicheleien und strafte ihn nur manchmals, wenn er zu kühn wurde, indem sie ihn mit dem Fuß anstieß, was ihn stets verlegen machte und über und über erröthen ließ. Endlich hingerissen durch den Zauber seiner Nachbarin bückte sich Karl um ihre kleine weiche Hand zu küssen … Da ward es hell. Der erste Act war vorüber. Wie ein ertappter Schuljunge fuhr der Commis zurück und setzte sich mit komischer Grandezza zurecht. – Zu dumm! Er hörte wie seine Schöne kicherte. Da wandte sich auch noch seine Begleiterin zu ihm und begann ihn wieder mit einer Flut von Begeisterung und Dankesversicherungen zu überschütten, dass er Gott dankte, als das Theater sich wieder verdunkelte und die entzückte Betty ihre ganze Aufmerksamkeit wieder dem Stücke zuwandte.

Eigentlich that sie ihm leid, seine Betty! Wie herzlich u. innig sie ihm dankte! Sie war doch ein gutes Wesen und er dachte, wie er ihr immer gesagt hatte: »Wir werden uns heiraten« … und jetzt? … Schämen sollte er sich. – Er wollte alles wieder gut machen; sich um seine Nachbarin nicht kümmern, auf die Bühne schauen und der guten Betty treu bleiben. Sicher – er hatte sie ja doch sehr gern. – Er schaute also auf die Bühne. Dort sang ein schmachtender Liebhaber zu Füßen seiner Angebeteten schmelzenden Schwüre. Karl vertiefte sich in das Wesen der Handlung so gut er es vermochte, berechnete dabei gewohnheitsgemäß wie viel Meter doppeltbreit die Sängerin zu ihrem reichen Kostüm gebraucht habe … Da fühlte er wie sich ein Arm leise unter den seinen schob. Wie geschmolzenes Blei rann es ihm über den Rücken. Er rührte sich nicht. Seine blonde Nachbarin raunte ihm ein paar Scherzworte ins Ohr über Betty. Er war empört. Über seine Betty. Da musste er als des Mädchens Cavalier, – o, er wusste gar gut was er musste … Rasch wandte er sich der schönen Frevlerin zu. Aber das Wort erstarb ihm auf den Lippen, als er ihr hochgeschminktes lachendes Gesichtchen knapp vor sich sah, den weichen Mund zu einem kecken Lachen geschürzt … Alles was er sagte war ohngefähr: O, bitte schön, bitte schön. –

Fortan ließ ihn das Mädchen nicht mehr aus ihrem Bann. Sie wiederholte ihre freien Scherze, die sich zum Theil auf Bettys Aufmerksamkeit, zum theil auf ihr ärmlich herausgeputztes Äußere bezogen, und Karl lachte mit, anfangs gezwungen, später aber stimmte er voll ein und stellte zwischen seiner rechten und linken Seite Vergleiche an, die sehr zu Gunsten der übermüthigen Blondine ausfielen. Ja, als der zweite Akt vorüber war, und die arme Kleine ihm ihr blasses Gesichtchen mit den matten Augen zuwandte, erschrak er über ihre Hässlichkeit und konnte gar nicht begreifen wie er bisher so verblendet gewesen war, sich mit diesem Wesen abzugeben. Seinen kleinlichen Verstand bedrängten jetzt auch andere Gedanken. Hatte er auch dem abscheulichen Ding da das Theater zahlen müssen! Was das gekostet hatte! Und er rechnete rasch wievieler Tage das wieder brauchte um diese Lücke seiner ohnehin mageren Geldtasche zu füllen. Zu ihrem letzten Namenstage hatte er ihr auch noch Blumen gebracht. Er gab sich die entsetzlichsten Scheltworte und rückte immer weiter von der geschmähten Geliebten weg, so dass er, wenn er den Kopf ein wenig nach links neigte, schon die Löckchen seiner neuen, schönen Freundin zu berühren glaubte.

So begann der 3. Akt. Seine Nachbarin ward immer munterer und lauter, so dass bereits von unten eindringliche »Pst«! und mahnende Blicke heraufgeschleudert wurden. Mitten im Akte erhob sich die schöne, die wie er einstweilen vernommen hatte, Dora hieß: Sie neigte sich zu ihm, dass er ihren Athem spürte: »Mir ist zu heiß hier, ich fühle mich unwohl … und so viel Menschen«, fügte sie wie rathlos hinzu. Karl überlegte: was sollte er thun? Sollte er sie begleiten? Und Betty! Ach was Betty! Er konnte ja dann ‚wiederkommen – und schließlich … Zwei Minuten später bahnte Karl seiner Verführerin den Weg durch die ärgerlich ausweichenden Menschen. –

Betty hatte nichts bemerkt. Die Operette neigte sich dem Ende zu. Das arme Mädchen, das aus ihrem lichtlosen Leben ganz in die tönende Athmosphäre der heiteren Handlung sich versetzt fühlte, wandte kein Auge von der Bühne und erwartete mit angehaltenem Athem die Vereinigung der beiden Liebenden dort unten. Sie zitterte für ihr Glück. Sich selbst setzte sie an Stelle der schönen reichen Bühnen-Prinzessin und ihr Karl, ihr guter, guter Karl, das war ihr Prinz … Und sie lachte vor Freude und Glück über diesen gelungenen Vergleich. Jetzt waren alle Hindernisse dort überwunden. Der Vater hatte ja gesagt, der Nebenbuhler war entflohen und Prinz und Prinzessin schritten unter den Klängen eines stolzen Marsches zur Kirche –. So werden auch wir dachte sie – ich und Karl zur Kirche gehen … und ohne den Blick abzuwenden griff sie nach der Hand ihres Geliebten. Zwei, drei Mal tappte sie in die Luft, dann stieß sie hart auf das Holz des Sitzes neben ihr. Erschrocken sah sie auf. Die Plätze neben ihr waren leer. »Karl« rief sie, auf ihre Umgebung vergessend. Ihr Schrei verhallte in dem lauten Applaus. Sie aber war wie gelähmt. Alle Leute rings waren schon aufgestanden und eilten dem Ausgang zu. Endlich folgte sie ihnen. Sie ließ sich von der Menge drängen und schieben. Sie wusste nicht wie ihr war. Die Augen standen ihr voll Thränen. –

Da quoll ein dichter Menschenstrom aus den Räumen wo das Büffet war. Dort, dort erkannte sie auf einmal Karl. Ja, gewiss er war es! Sie drückte sich vor. Aber als sie zehn Schritte weit entfernt war bemerkte sie das Frauenzimmer an seinem Arme. – Sie blieb starrstehen. – Ein heftiger Schmerz stach sie im Herzen. Alles, Menschen, Säulen, Gänge begann sich mit ihr zu drehen. Sie hielt sich an der Wand fest. –

Langsam erholte sie sich wieder.

Mühsam stieg sie die Treppen hinab. Hier und dort spöttelten ein paar Diener über sie. – Sie sah nicht was um sie geschah. Ihr war so eng in der Brust. Sie rang nach Athem. Sinnlos stürzte sie durch die nächste Thür ins Freie. Der kalte Wind fuhr ihr ins Gesicht. Da packte sie rauh jemand bei der Schulter. »He« rief der Thürsteher und riss sie zurück. Im nächsten Augenblicke wäre sie unter die Räder einer stattlichen Carosse gerathen, die eben auf der Rampe vorfuhr. – Sie schlich sich seitwärts – und blieb vor dem Theater stehen. Sie konnte nicht weiter. Die Füße waren ihr wie Blei. Es wirbelte ihr im Hirne. In den Ohren hörte sie Musik, frohe, hüpfende Klänge, aber nein, dann war es wieder wie das Knattern der Nähmaschine und dann war ein ungeheueres Brausen … Die Sinne vergingen ihr. Als sie wieder zu sich kam, stand sie noch immer an dieselbe Säule gelehnt vor dem Theater. Der Platz war längst leer, die Lampen waren verlöscht. Ein toller Herbststurm tanzte vor ihr einen wüthenden Wirbeltanz und riss Staub und Papierfetzen in weiten Kreisen mit sich. Sie fröstelte. Ein Husten befiel sie, ein rauher, unbarmherziger, quälender Husten. Die rothen Flecke erschienen auf ihren Wangen, und es überkam sie ein Gefühl von Einsamkeit und Hilflosigkeit. Ein schluchzendes Weinen stieg aus ihrer beklemmten Brust. Sie presste das seidene Tüchlein das sie kaum zu entfalten gewagt hatte fest an die Augen. – Die Kälte trieb sie vorwärts. Achtlos trat sie mit den dünnen Schuhen in die schmutzigen Pfützen und das Ende des sorgfältig gehegten Shawles. Schleifte durch den Straßenkoth … So wankte sie fort in die heulende, lichtlose Herbstnacht …