Susanne Reither

Einsamkeit verstehen

Wenn der eigensüchtige Riese mehr von Hans im Glück hätte, würde er sich dann im Sack der Weisheit wieder finden, wie im Märchen die Rübe, von den Gebrüder Grimm? 

Man muss sich Folgendes vorstellen. Da ist man ein gestandener Riese und besucht seinen Freund, den gehörnten Menschenfresser. Man zerredet sämtliche wichtigen Wichtigkeiten und mein Gott, das dauert halt ein bisschen. Es ist schon ein Glück, dass Männer weniger Worte benutzen als Frauen, weswegen bereits nach sieben Jahren alles gesagt ist, was es zu sagen gibt. Man kehrt also in seine zweistöckige Riesenhütte ganz aus grauem Stein zurück und freut sich auf das knisternde Feuer im Kamin, dass man nichts hören und sehen muss und vor allem auf das Schweigen. Man ist müde von der Reise, hungrig und durstig und was sieht man in seinem Garten?

Kinder, lauter fremde Kinder, die teilweise noch nicht einmal auf der Welt waren, als man weggegangen ist. Die Kinder spielen im Garten des eigensüchtigen Riesens. Warum auch nicht? Sieben Jahre hat sich keiner blicken lassen. Die Hecken sind kreuz und quer gewachsen, niemand hat sich darum gekümmert. Die roten Rosen, mittlerweile 2 m 80 hoch, machen, was sie wollen und von denen mit den gelben Blüten ganz zu schweigen. Das Gras wurde auch nicht gemäht. Natürlich haben die Kinder angenommen, dass das alles niemanden gehört oder zumindest niemanden stört, wenn sie dort spielen. Woher hätten sie wissen sollen, dass der Hausherr überhaupt existiert und dann plötzlich, unerwartet vor der Tür steht? Die Kinder sind natürlich getürmt. Wer wäre das nicht, wenn da so ein 5 Meter großer Mann, mit breiten Schultern vor einem steht, in braunen Hosen und gelbem Hemd? Gewagte Kombination. Egal, der Riese brüllt die Kinder, samt den Vögeln vom Grundstück. Ungebetene Gäste, die sich ohne zu Fragen breitmachen? Das konnte nichts aber auch gar nichts Gutes bedeuten.

Der Riese, gar nicht dumm, baut rund um seinen Garten eine Mauer. Eine hohe Mauer, aus roten Ziegeln und dazwischen weißer Zement. Während er die Ziegel auftürmt, blickt er immer wieder misstrauisch über seine Schulter nur um sicherzugehen, dass sich niemand nähert. Es nähert sich niemand. Eine Mauer ist so eine Sache. Sie bietet jede Menge Schutz dank der, auf 5 Meter 80 hochgezogenen 160 cm breiten Ziegeln.
Vielleicht auch noch ein Dach drüber, damit sicher nichts und niemand durchkommt. Bruchsicheres Glas, vorschriftsmäßig, damit es kein Unglück gibt und alles zusammenbricht, während man gerade darunter steht. So ein Scherbenbad kann mitunter weh tun. Vor allem, wenn dann so eine Scherbe im Herzen oder Auge steckt, wie im Märchen von der Schneekönigin und man die Dinge verzerrt wahrnimmt und in allem und jedem etwas Positives sieht.

Bei der Schneekönigin war das zwar anders, aber das tut nichts zur Sache. Nein, das möchte man natürlich nicht. Darum Sicherheitsglas und Abdeckung darüber, damit niemand hereinschauen kann. Am besten in Weiß. Da hat man Schatten, ohne, dass es darunter extrem heiß wird, im Gegensatz zu Schwarz, wenn die Sonne zeigt, was sie kann. Außerdem symbolisiert die Farbe jedem, dass hier darunter ein ganz sanftes und liebes Wesen wohnt. Die Farbe steht ja für Unschuld. Man ist ein Engel. Und genauso unnahbar wie ein Engel wirkt man dann auch auf andere Menschen. Weiß hält die Leute auf Distanz. Juhuuu zwei Fliegen mit einer Klappe. Da hockt man nun, bestens beschützt von seiner Mauer und die roten Ziegel verlieren ihren Reiz.
Ganz ehrlich, wer möchte schon den ganzen Tag auf eine rote Feuermauer starren? Das entspannt einem nicht einmal im Urlaub. Deswegen, keine Müdigkeit vorschützen und ein paar Stauden pflanzen. Grün ist schön und tut den Augen gut. Da kann sich der ganze Organismus erholen. Man wirft den Blick hinauf in den wunderschönen weißen Himmel, den blauen sieht man ja nicht. Licht auch nicht und die Pflanzen sterben förmlich vor Begeisterung. Kein Licht, kein Wasser, keine Vögel, keine Insekten, schnell lassen alle die Blätter und Blüten hängen und wer ist schuld? Natürlich die Kinder. Die haben alles zerstört. Man hatte doch gar keine andere Wahl, man musste da eine Mauer rund um sich bauen. Für den genialen Einfall mit der Mauer muss man sich schon selber loben. Wer auch sonst ist ja keiner da.

Als wäre man Hans im Glück. Dem ging es genauso. Immer wenn ihm etwas nicht gefallen hat, spaziert sofort die Lösung herbei. Wirklich, zuerst bekommt er einen Klumpen Gold, so groß wie sein Kopf und genau in dem Moment, als ihm das herumschleppen zu anstrengend wird, kommt ein Reiter und der tauscht seine braune Fuchsstute gegen den Klumpen Gold. Man kann Hans nur als Glückskind bezeichnen, zumindest tut er das. Dann wirft ihn das Pferd ab und wer fängt das Tier ein? Ein Bauer, der mit seiner schwarz gefleckten Kuh des Weges kommt und Hans einfach anbietet, die Kuh gegen das Pferd zu tauschen. Hans fackelt nicht lange, ergreift die Chance und zack, ist er Kuhbesitzer. Das Wasser läuft ihm schon im Mund zusammen, wenn er an die weiße, cremige und lauwarme Milch denkt und an die safrangelbe Butter, die er sich auf das Brot streicht. Dann wurde ihm allerdings furchtbar heiß auf seiner Wanderung und die Zunge klebt ihm im Mund. Gott sei Dank, hat er die Kuh. Glücklich strahlend versucht er diese jedoch vergeblich zu melken. Schwupp tritt ihm die weniger glückliche Kuh sehr glücklich gegen den Kopf. Hans weiß noch nicht einmal wo er ist, als ein Metzger des Weges kommt und das Schwein das er auf der Schubkarre transportiert, gegen die Kuh eintauscht. Die Kuh ist nämlich zu alt, um Milch zu geben. Hans der Glückspilz, tauscht am Ende der Geschichte, dann noch eine Gans gegen einen Stein, der in einen Brunnen fällt. Hans jubelt, denn jetzt muss er ihn nicht nach Hause tragen.
Und während man sich selbst, um auf den Riesen zurückzukommen, auf die Schulter klopft und zuprostet, allem Leben beim Eingehen zu sieht, kommt auch noch der Winter. Sicher, der Schnee kann nicht durch das Glasdach. Aber die Kälte. Der ist es nämlich vollkommen egal ob da eine Mauer ist oder nicht. Die findet immer einen Weg hinein. Hinein ja, hinaus nein. Ist sie einmal da, dann beansprucht sie den ganzen Platz für sich. Kriecht in jede Pore, jedes Luftmolekül und Dämmen, scheint die Sache nur schlimmer zu machen. Hüftfett soll angeblich eine positive Wirkung haben. Die Kälte, übernimmt doch glatt die Führung. Viva la Revolution. Nix da, warm und gemütlich. Hinterfotzig, säuselt sie einem Dinge ins Ohr. Fakten. Natürlich glaubt man ihr zuerst nicht. Man recherchiert. Die Kälte K, hat selber gesagt, dass man Nachforschungen anstellen soll. Das macht man auch und dafür setzt man sich in den Sack der Weisheit. Den bläst der Freund von K, der Nordwind, in eine Baumkrone und der Hagel bindet ihn mit einem weißen Hanfseil an einer Baumgabelung fest. K sagt, es ist der Baum der Erkenntnis. Was man da für Wissen und Weisheiten findet, in diesem Sack. Alles passt zusammen. Die auf der anderen Seite sind alle böse oder dumm, man selbst schlau und nett, die anderen planen die Weltherrschaft an sich zu reißen. Was heißt planen, sie wollen sie festigen, denn sie versklaven die Menschen schon lange. Lauter solche Dinge erfährt man da im Sack der Weisheit. Während man in luftiger Höhe baumelt, kann man durch ein kleines Loch hinunterschauen. Gibt nicht viel zu sehen, außer K und ihrer Mannen, die es sich gemütlich gemacht haben. Zurecht, zurecht, denkt man da oben. Die werden die Welt retten und befreien.

So ist es doch auch im Märchen von der Rübe. Der eine Bruder, will den anderen umbringen lassen und die Mörder stopfen ihr Opfer in einen Sack und ziehen ihn, bevor sie weglaufen, in die Höhe und binden in an einem Baum fest. Wie befreit sich der arme Mann nun selbst? Gar nicht, nein, dazu ist er viel zu schlau. Er wartet, bis ein Student des Weges kommt und als der unter dem Sack steht, ruft er von oben herunter. „Hallo“. Der Student ist verwirrt. „Hier oben“. Ahhhh, jetzt kann er ihn sehen. Er fragt nicht: „He, du da unten, kannst du mir bitte helfen?“ Nein, er macht dem Studenten den Mund wässrig, mit all der Weisheit, die da im Sack wäre. Natürlich geht ihm der Student auf den Leim, denn Wahrheit und Weisheit bekommt man nicht so oft auf dem Silbertablett serviert. Bevor er noch weiß, wie ihm geschieht, baumelt er schon im Sack vom Baum. Der befreite Bruder, ist aber nett und schickt jemand, der den Studenten nach einer Stunde befreit.

Nicht so K., die lässt den Riesen oben schmoren. Nicht, dass der Riese bemerkt hätte, was vor sich ging. Dazu war er viel zu engstirnig und verblendet. Über den Tellerrand schauen. Nein, lieber nicht. Was wenn die anderen recht haben? Lieber nichts riskieren. Während der Herr Riese da oben im Sack sitzt, kommen ihm manchmal Zweifel, ob er sich wirklich so schlau verhält, wie er meint. Er fragt sich das immer dann, wenn sich auf der anderen Seite der Mauer jemand vor Lachen biegt.
Welche Möglichkeiten hat er? Er kann versuchen, sich zu befreien. Dann würde er aber riskieren, das er K und ihren Leuten in die Arme fällt oder dem Feind. Es wäre aber so toll wieder einmal unter Menschen zu kommen. Wieso kam eigentlich nie einer zu Besuch? Menschen sind doch alle gleich. Sollte er einen Fluchtversuch wagen? Was, wenn er dann wie Hans im Glück, seine Gans gegen einen Stein eintauschen würde? Für Hans war es das Paradies aber für den Riesen? Wieder dieses Lachen. Der Riese macht einen langen Hals und versucht durch das Guckloch in seinem Sack zu spechteln. Schauen wird ja erlaubt sein. Da macht der Riese große Augen.
Die Kinder waren zurückgekehrt und klettern in den Bäumen herum. Der Riese hat sie gar nicht kommen gehört. Das Loch, durch das sie sich gequetscht hatten, konnte er genau sehen. Den Kindern war die Kälte egal und mit ihnen kam Wärme, kam die Sonne, kam der Frühling. Die Kälte ergriff mit einem letzten Schauer die Flucht. Und der Riese? Der hockt nachdenkend in seinem Sack. Was würde passieren, wenn er sich hinunterwagen würde? Die Kinder würden schreiend weglaufen oder was noch viel schlimmer wäre, sie könnten ihm etwas tun. Wer weiß, wie gefährlich die waren? Sie könnten sich in riesige Anakondas verwandeln und ihn verschlucken. Da wäre es allerdings warm drinnen.
Der Riese steckt also seinen Kopf durch das Loch im Sack und plumpst wenig galant, dafür laut und mit Karacho auf den Boden und die Kinder flüchten mit wildem Geschrei. Er hat es gewusst. Da waren keine Guten dabei. Zurück in den Sack war die Devise. Da hört er ein Kind weinen. Der Bub, versucht verzweifelt auf einen Baum zu klettern. Doch er kann die Äste nicht erreichen. Die Äste, des einzigen Baumes, der noch keine Blüten hat. Er will unbedingt hinauf. Der Baum reckt ihm seine Zweige entgegen, denn er will endlich so schön blühen, wie die anderen Bäume. Der Kirschbaum rechts von ihm ist mit rosa Blüten übersät. Er selbst ist ein Apfelbaum. Wenn er sich recht erinnert, dann sind seine Blüten schneeweiß und leuchten in der Sonne. Der Knirps sieht durch den Tränenschleier den Riesen nicht näher kommen und hört ihn dank des lauten Schluchzens auch nicht herbei stampfen.
Dann fasst sich der Riese ein Herz, wird ganz still und hebt den Buben sanft, damit ihm nichts passiert, in die höchsten Zweige, die sofort in zartem Rosa zu blühen beginnen. Das Kind umarmt, die Hand des Riesen, der Riesenhals ist zu weit weg und als die Tränen auf die Handfläche des Großen kullern, klart dessen Herz auf. Neben den Augen und dem Verstand. So wie es sich in einem ordentlichen Märchen gehört. Da sind es immer Tränen, die alles wieder gut machen. Vielleicht nicht nur im Märchen.

Die Tränen machen dem Riesen jedenfalls Beine. Er rennt bis zur Mauer, dreht um, rennt wieder zurück – Werkzeug holen. Eine Schaufel, nein besser einen Hammer, einen großen Hammer. Damit geht er gegen die Mauer vor und gibt sein Bestes! Die Menschen, die am Gehsteig vorbeigehen, springen überrascht zur Seite. Wer würde das nicht tun, wenn es neben einem plötzlich klopft, hämmert und die Steine in alle Richtungen zu fliegen beginnen. Wenn die einen treffen, sorgen sie für einen ordentlichen Brummschädel. Wie Schnaps im Übrigen auch. Man muss vorsichtig sein. Bumm, Klong, Bumm. Der Riese braucht nicht lange und nach fünf Minuten klafft ein großes Loch in der Ziegelmauer und roter Schutt liegt auf dem Bürgersteig. Die Kinder helfen dem Riesen die Mauer einzureißen und von dem Tag an spielen sie wieder im Garten des Riesens. Ja, sie sind laut, ja sie gehen ihm manchmal auf die Nerven, vor allem wenn sie anderer Meinung sind als er. Aber das ist eine andere Geschichte.

Es ist ein Kreuz mit der Einsamkeit. Plötzlich ist sie da und geht nicht mehr weg. Wie ein Grasfleck. Ich höre meine Mutter noch seufzen, wenn ich im zarten Alter von sieben Jahren, wieder einmal meine Hose mit grünen Grasflecken verziert hatte. Was hätte ich denn machen sollen? Ich musste beim Weitspringen von der Schaukel doch einen neuen Rekord aufstellen. Schaukeln, bis zum höchsten Punkt und dann abheben. Ganz wichtig, die Beine und Arme nach vorne strecken und dem Luftwiderstand aerodynamisch Parole bieten und dann zur Landung ansetzten. Ein Bein nach vorne wie beim Telemark der Schispringer (Es gab Haltungspunkte) und das andere Bein abgewinkelt und das Knie bis zum Boden. Ich war also total unschuldig. Ging nicht anders. Das musste auch meine Mutter einsehen. Aber der Fleck war nun einmal da.

Gegen Einsamkeit hilft, sich nach außen zu öffnen und gegen Grasflecken übrigens: Babyshampoo, Gallseife, Waschbenzin, Zahnpasta oder Kartoffeln.

Märchen: