Susanne Reither

Gemeinsam Stark

Gemeinsam stark oder warum man manchmal ausgedient hat. Menschliches Verhalten erklärt an Hand des Märchen die Bremer Stadtmusikanten. Mit Humor und Augenzwinkern.

Das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten habe ich als Kind oft gehört. Lange vor dem CD Zeitalter, als es noch Kassetten gab. Ja, diese Dinger, mit dem dünnen schwarzen Band, das sich immer wieder im silbernen Kassettenrecorder verfangen hat und man heil froh war, wenn das Band nicht abgerissen ist, sondern man es nur wieder aufrollen musste. Mit einem roten Bleistift in das eine Loch und dann drehen und drehen, bis das Band wieder dort ist, wo es hingehört. Leicht zerknittert, was sich beim Abhören gerecht hatte. Entweder wurde es gleich wieder vom Abspielgerät gefressen oder man hat es beim Abspielen knistern gehört. Aber das war so was von egal und auf einer dieser Märchenkassetten waren die Bremer Stadtmusikanten.

Wie es so üblich ist bei alten Bekanntschaften, ist das Märchen im Laufe der Jahre etwas aus meinem Blickfeld gerutscht. Als ich mit den Silent Geschichten begonnen habe, kam ich natürlich auch bei den Bremer Stadtmusikanten vorbei. Ging gar nicht anders. Was mir aber erst jetzt bewusst geworden ist, war, dass wir doch alle Bremer Stadtmusikanten sind. Haben wir nicht alle Zeiten hinter uns in denen wir brav gedient haben, nur um dann einen fetten Popo tritt zu bekommen. Eigentlich nicht einmal das. Wir waren praktisch und dann waren wir es nicht mehr. Es ist halt so, dass wir nicht in andere Menschen hineinschauen können. Nur in uns selber.

Ich habe auch einmal jemanden gekannt. Ich kenne sie immer noch, nur hören und sehen tue ich nichts mehr von ihr. Gepriesen sei der Herr. Eine Zeitlang haben wir uns oft getroffen, da war ich praktisch. Dann habe ich mich angehört und benommen wie eine Kassette deren Band im Abspielgerät hängen geblieben ist. Nichts ging mehr. So wie der arme graue Esel, der Bremer Stadtmusikanten, auch der braune Hund und die rote Katze, die waren zu alt geworden zum Arbeiten. Der Hahn mit seinem roten Kamm hätte sogar dem Kochtopf zum Opfer fallen sollen. Wir leben eben in einer Wegwerfgesellschaft. Kassetten, Handys, Tiere, Menschen. Ich habe mich dann irgendwie aus dem Gerät befreit. Im Alleingang.

Nicht, dass sie mich, meine Bekannte, als ich zurückgekehrt bin, auf die Bühne des Lebens, mit offenen Armen empfangen hätte. Nö hat sie nicht. Doch eigentlich schon. Aus ihrer Sicht. Treffe ich die Frau, nach ungefähr 4 Jahren wieder. In einem Lokal, meinem ehemaligen Stammlokal. Zufällig. Sie hat sich dort mit sechs Freunden getroffen, um ihren 41sten Geburtstag zu feiern. Das erste, was sie mir um die Ohren gehauen hat war, dass ich mich nicht dazustellen kann, da mein Exfreund auch kommt. Gut denke ich, kein Problem, kann ja alleine an der Bar sitzen. Die braunen Holzbarhocker waren schon immer meine besten Freunde gewesen. Ich wartete auf eine Freundin aus Fleisch und Blut, die noch nicht da war. Ich habe gedacht, dass das gute Geburtstagskind irgendwann kurz zu mir kommen wird, um mit einem Glas Bier anzustoßen. Auf ihren Geburtstag. Das haben wir doch früher auch oft gemacht. Falsch gedacht. Ich meine, dass sie dann neben mir gestanden hatte, um sich ihre blaue Jacke zuzumachen als sie gehen wollte und vor lauter Begeisterung nicht einmal tschüss sagen konnte, lassen wir jetzt einmal dahin gestellt.

Da kommst dir dann vor wie ein ausgedienter Esel. Obwohl ich hätte gerne auf Hahn gemacht und ihr in die Ohren kikerikiet. Habe ich aber nicht. Ich habe auch nicht auf Hund gemacht und ihr hinter der Glastür aufgelauert. Eher auf beleidigte Miezekatze. Nein ich habe ihr nicht das Gesicht zerkratzt.
Wenn man es genau überlegt, dann habe ich keine Ahnung, warum sie sich so verhalten hat. Sie hat es getan und sie wird einen Grund gehabt haben. Wahrscheinlich hätte sich mein Exfreund in eine Anakonda verwandelt und sie gefressen, wenn sie es gewagt hätte zu mir zu kommen. Der war noch immer genauso dünn gewesen wie früher, da hätte ihm so eine Mahlzeit nicht geschadet. Oder sie hatte einfach keine Lust auf mich. Das kann ich ihr nicht einmal übelnehmen. Hatte ich zu der Zeit auch nicht. Vielleicht hat sie sich auch gar nichts dabei gedacht.

Eines ist sicher. Man kann nicht in andere Menschen hineinschauen und nur, weil man einmal mit jemanden befreundet war, heißt das nicht, dass es für die Ewigkeit sein muss. Menschen verändern sich. Gott sein Dank. Die glücklichsten Menschen sind die, die sich wie die Bremer Stadtmusikanten mit gleichgesinnten zusammen tun. Auch, wenn man auf den ersten Blick nichts gemeinsam hat. Nichts, bis auf ein Ziel. Wenn sich genau solche Menschen zusammen tun, die ein gemeinsames Ziel haben, hält sie nicht viel auf. Da sprudeln die kreativsten Ideen. Einfach, weil jeder etwas anderes weiß und kann und gemeinsam sind sie stark. Es macht überhaupt keinen Sinn in einem Leben zu bleiben, das einem nicht guttut und manchmal braucht man schon ein sehr einschneidendes Erlebnis um sich aufzumachen oder man muss, gekonnt im Weg herumliegen. Die besten Ideen kommen einem im Schlaf und einem glücklichen Zufall muss man im Weg stehen, wie soll er einem sonst treffen? Es geht gar nicht darum was man kann oder nicht kann. Außerdem wer sagt, dass der Esel, der Hund, die Katze und der Hahn nicht berühmte Musikanten geworden wären? Wenn ich mir das so vorstelle: Ich glaube, die muss man gehört haben.