Grundlagen Farbgestaltung im Raum

Grundlagen Farbgestaltung im Raum

Der Raum, die dritte Haut des Menschen​

 

Erst mit der einsetzenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert und den Möglichkeiten der künstlichen Beleuchtung wurde es rentabel, auch die Arbeitsplätze in geschlossene Räume zu verlegen und diese Räume dann intensiv durch Schichtarbeit zu nutzen. Eine richtige Wohnkultur, so wie wir sie heute pflegen, entwickelte sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts. Wobei „Wohnen“ noch etwas völlig anderes bedeutete als heute. Von unseren modernen Vorstellungen war man noch weit entfernt, da sich die Rahmenbedingungen völlig geändert haben. 1950 saßen noch sechs- bis acht Personen um das Radio herum und heute konsumiert eine dreiköpfige Familie das Fernsehprogramm nicht einmal mehr gemeinsam in einem Zimmer, sondern streamt Filme und Serien in unterschiedlichen Räumen.

Die gemütliche Bauernstube, die unser nostalgisches Herz gerne höher schlagen lässt, war ursprünglich nichts anderes als ein – heute würde man Multifunktionsraum sagen -, denn dort wurden die Toten aufgebahrt, Familienfeste gefeiert und an Schlacht- bzw. Backtagen gearbeitet.

Früher hatten Räume hauptsächliche eine Funktion – sie sollten die Menschen schützen. Weniger vor wilden Tieren als vor den Unannehmlichkeiten, die das Wetter bisweilen mit sich bringt. Das eigentliche Leben spielte sich unter freiem Himmel ab. Im Mittelalter war es durchaus üblich, dass Wagner, Hufschmied, Zimmermann und Schuhmacher, bestenfalls durch ein Dach geschützt im Freien ihrer Arbeit nachgingen. Die Paläste und Tempel, die wir aus Geschichten und Sagen kennen, erinnern mehr an Innenhöfe als an das, was wir unter Innenräumen verstehen. Die ungarische Sprache hat bis heute keine Unterscheidung zwischen „Platz“ und „Raum“, was verdeutlicht, dass dort der Raumbegriff wohl noch nicht auf Wohnraum, Schlafraum, Abstellraum … reduziert wird.

Es sollte ungefähr 150 Jahre dauern, bis der Mensch seinen Aufenthaltsort primär von außen nach innen verlegt hat. Haben sich die Menschen früher Zeiten zur Ruhe und Entspannung in den Raum zurückgezogen, so verlässt der Mensch des 21. Jahrhunderts den Raum in der Regel nur, um sich mittels eines beweglichen Raumes (Fahrgastraum, Auto, Bus, Bahn) in den nächsten Raum zu begeben.

Das Interesse, mit Farben zu wohnen, besser noch: Mit Licht und Farbe zu wohnen, zieht also nicht die Fragen nach sich: Welche Gardine passt zu welchem Boden, und wie beleuchte ich das Ganze? Sondern: Wie schaffe ich ein Umfeld, indem sich alle, die hier wohnen, wohlfühlen? Licht und Farbe sollte man daher nie als einzelne Komponenten betrachten, sondern immer im Zusammenhang mit Material, Oberfläche und Raumfunktion.

Das Thema „Wohnen“ ist derart vielschichtig, dass ich hier nur auf ein paar grundlegende Kriterien in Bezug auf Farben und Wohnen eingehen kann. Lassen Sie sich inspirieren. Starten wir unseren Kurztrip durch die Welt der Räume und beginnen wir mit dem Boden.

Der Boden

Der Begriff Boden hat sich in unserer Sprache mit vielen festen Redewendungen verankert. Wir kennen den „Heimatboden“, besitzen „eigenen Grund und Boden“, mögen es ganz gerne „bodenständig“ und verlieren manchmal „den Boden unter den Füßen“ und fallen ins „Bodenlose“. Der Boden muss fest, darf jedoch weder zu hart noch zu weich sein, da wir sonst unbewusst den Halt verlieren. Der gestaltbare Boden ist in der Regel ein Belag aus Textil-, Gummi- oder Korkmaterial, wobei Kork als „natürlicher“ Belag keiner weiteren Überlegungen bedarf, es sei denn, man wolle einen solchen Belag farbig beizen, was ja möglich ist. Auch im Kokos-Sisal-Bereich werden heute verstärkt Bodenbeläge in Farben angeboten. Die größte Produktvielfalt findet man zweifelsohne unter den textilen Bodenbelägen. Nicht nur puncto Farben, sondern auch was die Oberflächenbeschaffenheit betrifft, schöpft die Industrie aus dem Vollen. Feinflor, Schlinge, Kräuselvelours etc. machen die Auswahl sicherlich interessant, jedoch auch schwierig, das „Richtige“ zu finden. Wenn auch ein hellblauer, dichter, hochfloriger Velours das Bad wunderbar zur Geltung bringt, wäre er in einem Flur ungeeignet, da man in Durchgangsbereichen, einen festen Grund erwartet. Auch wenn der „Naturwolle-Bereich“ das kleinere Übel sein mag, sollte man in vielen Fällen doch nach besseren Lösungen suchen.

Wenn diese Beläge als „Berber-Qualität“ angeboten werden, so liegt darin oft eine Namenstäuschung, denn Naturvölker wählen für ihren Gebrauch meist buntfarbige Teppiche anstelle von „naturfarbigen‘. Es ist und war zu allen Zeiten eine besondere Herausforderung für den Menschen zu färben, da man den natürlichen Bereich verlassen möchte. Bestimmte Farbstoffe herzustellen, wie z.B. Purpur zählte zu einer hohen Kunst.

Hegt man den Wunsch nach einem bunten Teppich, sollte man ein paar Grundregeln im Auge behalten.

Helligkeit

Aus der natürlichen Erwartung des Menschen heraus hat ein „begehbarer” Belag, die Helligkeit zwischen Wiese und Lehmboden. Darüber hinaus werden Eigenhelligkeiten von Farben als gegeben toleriert. So fühlen wir uns auf einem sandfarbenen Belag trittfester, als auf einem hell violetten.

Intensität (Sättigung)

Auch die Erträglichkeit stark gesättigter Farben ist unterschiedlich. Während die dunkleren Töne Purpurrot bis Petrolblau mit maximaler Sättigung gefühlsmäßig noch begehbar sind wenngleich darauf mehr, „geschritten“ als, „gegangen“ wird, scheinen uns Maigrün- und rotorange Töne unbewusst unbegehbar. Gelb hingegen hat eine Sonderstellung: Es ist beschwingt, wodurch es ideal für einen Gymnastikraum bzw. Tanzsaal ist.

Farbe

Der Farbton als solcher spielt vor allem deshalb eine Rolle, weil vom Boden her eine hohe Lichtreflexion in den Raum ausgeht und selbstverständlich auch Bewohner und Benutzer dadurch „beleuchtet“ werden. So verhält es sich hier ebenso, dass der Zitrus- und Orangebereich nur entsättigt für Bodenbeläge geeignet ist, während der restliche Farbkreis je nach Bestimmung eingesetzt werden kann.

Wenden wir uns, nachdem wir „festen Boden unter den Füßen haben“, der Wand zu.

Die Wand

Redewendungen wie „die eigenen vier Wände“, „an der Wand entlanggehen“ oder, wenn es schlimm kommt, „die Wände hochgehen“ oder „mit dem Kopf durch die Wand gehen“ kennen Sie alle. Es ist allerdings auffällig, dass es keine Redewendung mit dem Wort „Wand“ gibt, aus der sich ein genereller Anspruch – wie beispielsweise beim Boden – ableiten ließe. Vielleicht neigt man deswegen dazu, bei den Wänden Willkür walten zu lassen. Normalerweise stoßen wir, in unseren Zimmern, auf verputze oder mit Platten verkleidete, glatte Wände, die für jedes Material offen sind. Wobei in jüngster Zeit, Wisch- und Pinseltechniken, bevorzugt werden, was Muster- und Raufasertapeten, zurückdrängt. Prinzipiell gibt es an Wänden keine farblichen Einschränkungen. Allerdings sollten sie in der Regel gefühlsmäßig „leichter“ und heller wirken als der Boden. Auch die Intensität sollte nicht zu groß sein. Denken wir wieder an das Beispiel der Natur, dann erkennen wir: Bläuliche Töne lassen einen Raum weiter, größer erscheinen, so wie die „blauen Berge“, während warme Töne von Rot bis zum Blaugrün einen Raum eher eng erscheinen lassen.

Der Bereich der Wohnfarbigkeit

Ein weiteres Kriterium bei der Wohnungsgestaltung ist die Farbintensität. Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass sowohl der engagierte Heimwerker als auch der versierte Handwerker allzu tief in den Farbtopf greifen. Hier würde ein Blick in die Natur weiterhelfen! Das Nahe, das Greifbare und das, was Aufmerksamkeit erregen will, zeigt sich in kräftigen Farben. Das Ferne und Weite, das Unter-geordnete zeigt sich in zarten Farben. Am Horizont verschwinden die Farben förmlich: Aus dem satt grünen Wald wird ein ins Bläuliche schimmernder, transparenter Farbeindruck. Dieses Weite und Transparente gilt es in die Wohnungen zu holen. Denn unsere Empfindung arbeitet ständig und nimmt diese Weite wahr, die ja gleichzeitig ein Gefühl der Freiheit vermittelt. Und frei sein wollen wir doch alle! Dass wir dies geradezu instinktiv in uns erfühlen, zeigt die derzeit so übergroße Ablehnung von Braun und Beige. Was nämlich drücken diese Farben aus? Angelehntsein, Angepasstsein, Unfreiheit! Jedoch auch geerdet sein, Gemeinschaft, Ruhe und Verwurzelung.
Deshalb ist es ganz wichtig, die Intensität der Farben, auch im Pastellbereich, nicht durch Schwarz bzw. Grau zu reduzieren.

Intensiver als Pastellfarben sind Lasuren. Der Grundton wird mittels Wasser oder Bindemittel verdünnt und dann in mehreren Schichten und auch Farben übereinander gelegt. Wir haben somit unterschiedliche Möglichkeiten, Farben und Stimmungen zu realisieren.

Der wichtigste Faktor bezüglich der Umsetzung des Farbthemas ist:

Das Licht

Im natürlichen Raum sind wir, sich ständig ändernden Lichtverhältnissen unterworfen. Sowohl was die Qualität als auch Quantität betrifft. Die Farbe des Lichtes ändert sich von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und die Sonneneinstrahlung wechselt von einem flachen Winkel im Winter zu einem steilen im Sommer. Diese natürlichen Gegebenheiten lösen in uns Wohlbefinden und Ruhe aus. Die Lampenhersteller haben längst auf diese Bedürfnisse reagiert. Statt blind den Möglichkeiten der Technik zu folgen, sollten wir auf die menschlich natürliche Komponente nicht vergessen. Wenn wir uns im Hinblick auf die Raumbeleuchtung einem Umdenkungsprozess unterziehen, könnte dies zum Beispiel folgendes bedeuten:

 

    1. Dass wir mit an der Wand angebrachten und in Tageslichtfarben bestückten Deckenflutern einen grauen, neblig-trüben Tag erhellen.

    1. Dass wir uns zum Essen unter einer Lampe mit einem sehr langen Spektralanteil einfinden, so wie sich unsere Ahnen um das Feuer versammelten.

    1. Dass wir in unserer gemütlichen Leseecke mit punktgenauen Halogen-Nieder-voltlampen die Abendstimmung erhalten, aber gleichzeitig die Seiten des Buches oder der Zeitschrift genügend erhellen.

    1. Dass wir ein Bild, eine Plastik oder ein sonstiges Lieblingsobjekt mit der breiten Lichtfülle einer Reflektorglühlampe zur Geltung bringen. Bei mehreren Objekten, Bildern oder Leseplätzen erhöht sich die Zahl der Lichtquellen. Wobei jede einzeln schaltbar sein sollte, denn eine lesende Person braucht normalerweise keine beleuchteten Bilder.

Es ergeben sich auf diese Weise eine Vielzahl von Beleuchtungsvarianten, die sicherlich nicht zentral geschaltet werden müssen. Gestalten heißt auch tun, täglich neu. Sie werden sehr schnell die Erfahrung machen, dass auch das Lebensqualität bedeutet: aufstehen, herumgehen, Beleuchtungsvarianten ausprobieren. Schließlich haben Sie heute andere Bedürfnisse als morgen. Diese gilt es zu erkennen und aufzuspüren und die Lichtverhältnisse entsprechend darauf einzustellen. Sie werden dabei bemerken, dass Sie auf jedes Licht anders reagieren. Beim Tageslicht kommen die kühlen Blau-Grün-Varianten mehr zum Tragen, die Frische und Wachheit fördern. Wogegen die rot anteiligen warmen Töne der Dämmerung, den Abend in lauschige Geborgenheit taucht. So kommt auch bei Licht und Farben, das Wechselspiel der Polaritäten, von Yin und Yang, zum Tragen. Und wenn wir wollen, können wir mehr als nur zwangsläufige Beobachter sein.

Grundlagen Farbgestaltung im Raum