Susanne Reither

Guter Start

Motivation = Grund x Energie x kleine Schritte hoch 3 oder der fliegende Koffer x dem tapferen Schneiderlein x dem Hasen und dem Igel hoch 3.

Wenn man dann motiviert ist, wenn man einen tollen Grund hat um etwas zu tun, genug Energie und viele Zwergentrippelschritte aufs Bankett legt, dann müsste die Sache mit der Motivation doch ganz einfach sein.

 

Der junge Mann in der Geschichte vom fliegenden Koffer macht es vor und bringt hoch motiviert Papis Geld durch, mit Energie bis in die Haarspitzen und in vielen kleinen Münzen. An Motivation hat es dem Sohn wahrlich nicht gemangelt. Auch nicht an Energie, als er die Prinzessin samt deren Eltern um den Finger wickelt. Lediglich die kleinen Schritte hat er nicht berücksichtigt, denn ein Übermaß an Energie lässt den fliegenden Koffer in Flammen aufgehen. Jetzt muss der Verlobte tatsächlich kleine Schritte machen, denn zu Fuß und weit weg von seiner Prinzessin und über den Balkon hereinschweben war auch nicht mehr, als vermeintlicher Gott der Türken. Was hätte er sagen sollen? Sorry, aber ich habe dem Koffer gekündigt? Kommt blöd. Ein ganzes Volk hätte vom Glauben abfallen müssen. Ich bin mir sicher, ein im Koffer durch die Gegend fliegender Gott, ist kein Teil von Sagen und Überlieferungen. Da mag ich mich jetzt weit aus dem Fenster lehnen. Man darf mich gerne eines besseren belehren.

Unbelehrbar ist auch der Hase, der selbsternannte Schutzheilige aller Kohlrüben. Hoch motiviert, war der Herr Hase. Er wusste ja, dass der Igel mit seinen kurzen Beinchen gegen ihn nicht den Hauch einer Chance hatte. Die Schritte des Stacheltieres kann man, ohne viel nachzumessen als kleiner als die des Hasens bezeichnen.
Obwohl der Effekt wäre viel eindrucksvoller gewesen, hätte sich der Igel, vom Sohn im fliegenden Koffer, ein paar Feuerwerkskörper ausgeliehen. Elegant hätte er sich auf eine schwarze Feuerwerksrakete geschwungen, sich lässig mit Armen und Beinen festgehalten und hätte auf den Einsatz seiner Frau gewartet. Frau Igel, die im Märchen ohnehin nichts zu melden hat, hätte ein Schwefelholz an einem Stein gerieben bis die Funken gestoben wären. Mit zwei Pfoten hätte sie das rauchende Ding festgehalten, damit sie es nicht fallen lässt. Mit, vor Vorfreude aufblitzenden schwarzen Knopfaugen, hätten sie das Zündholz, an die Zündschnur gehalten, bis diese zischend Feuer gefangen hätte. Dann hätte sie das brennende Ende des Zündholzes in die Erde gesteckt, die Arme in die Hüften gestemmt und dabei zugesehen, wie ihr Angetrauter davon geflogen wäre. In einem Tempo, dass es die Stacheln nach hinten gedrückt hätte. Glatt frisiert wäre er gewesen. Der Igelmann hätte gerne gelacht aber der Gegenwind hat im A die Luft zum Atmen genommen und B die Mundwinkel bis zu seinem Schwänzchen nach hinten gezogen. So schnell wäre er am Hasen vorbeigesaust. Der hätte einen Zahn zugelegt, die Ohren aus aerodynamischen Gründen an den Kopf gepresst und die Beine in die Hand genommen. Ja so ein Feldhase kann verdammt schnell laufen. Jedoch nicht so schnell wie eine Rakete. 200 Meter weiter hätte sich die Rakete in einem Kastanienbaum eingebaut und im blau, roten Sternenregen, die Igelfrau zur Witwe gemacht. Der Hase wäre vor lauter Ehrgeiz irgendwann über seine Füße gestolpert und kopfüber in genau dem Loch gelandet, aus dem er zwei Stunden zuvor eine Kohlrübe gezogen hatte. Aus seinem Rübenacker. Dann hätten Frau Hase und Frau Igel gemeinsam über ihre Männer die Köpfe geschüttelt.

Nur, so geht die Geschichte nicht. Der Igel hockt auf der einen Seite des Feldes und Frau Igel auf der anderen und der Hase rennt hin und her. Hoch motiviert, mit dem Ziel dem Igel zu beweisen, dass er schneller rennen kann, rennt er in großen Schritten, da untrainiert, seinem Untergang entgegen. Er war also übermotiviert.

Das kennen wir doch von irgendwo her. Man hat ein großes Ziel, startet hoch motiviert, verzichtet auf die Sache mit den kleinen Schritten. Die hat man nicht nötig, man will die sieben Meilen Stiefel. Die kommen aber in einem anderen Märchen vor und darum hat man Pech gehabt. Los rennen, ohne Plan und Hirn und zack kann sich die Idee die Radieschen von unten ansehen. Dann ist die ganze Motivation, samt Energie hinfort. Für die nächsten 6 Monate macht man tatsächlich nur kleine Schritte zwischen Kühlschrank und Couch.

Der einzige der es richtig macht, ist das tapfere Schneiderlein. Dessen innerstes Bedürfnis ist es, der Welt zu zeigen, dass es ein toller Bursche ist und 7 auf einen Streich gekillt hat. Es fragt ihn auch keiner welche sieben. Ist auch ganz egal, das tapfere Schneiderlein hat das gefunden, was es der Welt mitteilen möchte. Dieses Bedürfnis treibt es an. Es rennt aber nicht hirnlos durch die Gegend, sondern wartet auf seine Chancen, überlegt und kommt sogar ins Bett der Prinzessin. Da wollte es am Anfang gar nicht hin. Aber die Chance hat sich geboten, blöd wäre es gewesen sie nicht zu nutzen. Wäre es laut schreiend durch die Gegend gelaufen, hätte es das Gebot der Stunde gar nicht mitbekommen.
Ich möchte nicht wissen an wie vielen Prinzessinnen der Durchschnitt so vorbeirennt. Vielleicht besser, dass man es nicht weiß. Das tapfere Schneiderlein, weiß auch ganz genau was es kann und wo seine Grenzen liegen. Es lässt sich nicht in eine Situation drängen, in der es eng werden könnte.
Es denkt nach.

1. Wie schaffe ich es, dass keine Zeugen dabei sind,

2. Wie schaffe ich es, dass sich meine Gegner selbst erledigen und

3. Wie schaffe ich es, dass das keiner merkt.

Man darf also die Wirksamkeit seines Gehirns nicht unterschätzen. Besonders, wenn man einem tapferen Schneiderlein begegnet. Das hat die ganze Arbeit gemacht, man selbst braucht es nur zu entlarven und kassiert die Lorbeeren. Kopf einsetzten und Bösewichte schnappen. Ein ganzes Berufsfeld tut sich vor meinem geistigen Auge auf. Das bisher noch niemand darauf gekommen ist! Halt, Stopp. Schriftsteller gibt es ja schon.

Originaltexte