Susanne Reither

Irrtümer

Das Lieblingsthema der Menschen schlecht hin. Hauptsächlich, wenn es um die Irrtümer der anderen geht. Das beginnt schon mit drei in der Sandkiste. Wenn man sich selbst geirrt hat, dann sind selbstverständlich die anderen Schuld. Wo käme man denn da hin, wenn man selbst Schuld wäre?

Rotkäppchen konnte auch nichts dafür, dass die Idee des Wolfes, der Großmutter Blumen zu pflücken, zu verlockend war und sie vom Weg abkommt, während sich der Wolf schon sein Bäuchlein reibt. Was sich später als sein größter Irrtum herausgestellt hat. Trotzdem hat es der Wolf sehr schlaugemacht.

Wie oft fallen wir auf Ideen herein, die sich gut anhören, so als ob es um unser Bestes ginge? Da hören wir dann auch nur mehr die Hälfte und die andere vergessen wir, ignorieren wir und hüllen den pädagogischen Mantel des Schweigens darüber. Man kann sagen, dass wir sehr anfällig sind für das kluge Else Syndrom.

Einer saugt sich etwas aus den Fingern. Gut, aus den Gehirnwindungen. Es sind von dort schon sehr schlaue Ideen auf die Menschheit losgelassen worden, aber auch weniger schlaue. Die kluge Else soll Bier holen gehen. Für ihren Vater, ihre Mutter und einen jungen Mann, den sie heiraten möchte. Else stapft 25 Steinstufen in das Kellergewölbe und sieht über dem hölzernen Bierfass eine 30 cm lange Kreuzhacke. Else denkt sich nicht aha, schönes Ding. Nein, sie überlegt Folgendes: Wenn sie Hans heiraten würde und sie ein Kind bekommen, irgendwann, und wenn das Kind einmal so groß ist, dass es Bier holen kann, dann fällt sicher die Hacke von der Wand und erschlägt das Kind. So schlau ist die Else. Hätte Rotkäppchen doch nur mehr philosophiert und weniger gehandelt. Rotkäppchen ist eben eine Macher-Persönlichkeit. Die kluge Else hingegen steckt alle mit ihrer Angst an und macht jeden verrückt damit. Alle weinen und bewundern Else für ihre Klugheit. Die junge Dame hätte die Klimakrise im Nu gelöst.

Die Schneider aus dem Märchen, das Kaisers neue Kleider, müssen Else gekannt haben und haben sich gedacht: Das können wir auch, nur viel besser. Sie rennen zum Kaiser, tischen ihm einen absoluten Schwachsinn auf und alle glauben ihnen. Man muss nur überzeugend genug sein. Die besten Lügner und Betrüger sind die, die am Überzeugendsten sind. Aus Angst behält man seine Meinung für sich, wenn man denn eine eigene hat. Was könnten die anderen von mir denken? Es ging ja auch um etwas, in des Kaisers neue Kleider. Die Schneider behaupten klipp und klar, dass jeder die Kleider sehen kann, außer den unverzeihlich Dummen und jenen die nicht für ihr Amt taugen. Ui, da halten natürlich alle ihren Mund. Den meisten von uns würde es gar nicht schaden, sich nicht nur einzugestehen, dass sie blöd genug sind im falschen Job zu arbeiten, sondern sich schleunigst etwas zu suchen, was besser zu ihnen passt. Wie glücklich man dann werden könnte. Eine Welt voller glücklicher Menschen … Auf jeden Fall bewundern alle die unsichtbaren Kleider des Kaisers. Die brauchen ein Kind, ausgerechnet ein Kind, das laut sagt, dass da ja gar nichts ist. Wir hören nicht einmal auf unser inneres Kind geschweige denn auf einen anderen Knirps. Wir leben ja nicht im Märchen. Wenn der Knirps aber so schlau ist wie die Else, dann steckt er wieder andere an und die Meinung der Massen kippt ins Gegenteil und das, was man davor gesagt hat, war alles ein großer Irrtum. Das Beste daran ist, man musste nicht einmal nachdenken. Plappert einfach nach, was einem andere Vorkauen. Rotkäppchen beschließt auf sich selbst zu hören und nicht mehr ablenken zu lassen. Darum endet das Märchen im Original auch damit, dass sie sich von keinem Wolf mehr verführen lässt und am Ende besiegen die Oma und das Rotkäppchen sogar einen Wolf. Wer hätte das gedacht? Auch Hans, im Märchen die kluge Else, fällt es wie Schuppen von den Augen, worauf er seine Frau mit ihrer eigenen Schlauheit schlägt. Als er sie nach einem langen Arbeitstag, schlafend vorfindet, nicht im Bett, sondern auf dem Feld auf dem sie den ganzen Tag friedlich gebüselt hat, anstatt Korn zu schneiden, das sie zum Brotbacken gebraucht hätten, wirft er ihr ein Fischernetz mit lauter Glöckchen über, das Else, als sie ausgeschlafen ihre Glieder streckt, so verwirrt, dass sie vor lauter Klugheit nicht mehr weiß, wer sie ist. Worauf sie in der weiten Welt verschwindet.

Es schadet ja nicht sich zu irren, außer man jagt aus Versehen ein Atomkraftwerk oder dergleichen in die Luft, was, wie ich zugeben muss, unangenehm werden könnte. Aber so grundsätzliche Irrtümer, wie falsches Auto, falscher Partner, falscher Beruf, falsches Mittagessen, falsche Investition usw. sind durchaus verzeihbar. Man sollte nur sein eigenes Gehirn einschalten und nachdenken. Rotkäppchen machts vor, Hans machts nach und der Kaiser geht mit erhobenem Haupt, weiter ohne Kleider, durch die Straßen. Sie haben die Qual der Wahl, wem Sie folgen wollen. Haben Sie nicht zugehört? Es ist weniger schlau, einer Meinung nachzulaufen, die gerade zu Ihrer Wut, Stimmung oder Sonstigem passt. Ruhig werden, nachdenken, nachforschen, nachdenken, zuhören, nachdenken und dann sich selber folgen.

Originaltexte