Das mit dem Vergessen der Träume fängt schon am Morgen an. Welche Träume merkt man sich? Die Saublöden. Wenn man als rosa Kuh, nackt über die Autobahn rennt und ganz dringend auf die Toilette muss. Welche nicht? Die mit der 3 Mio. Euro Idee.

 

Diese Träume gibt es, Josef Madersperger hat von der Nähmaschine geträumt, die er dann auch erfunden hat. Der Traum war Gold wert. Für die Welt, nicht für ihn, denn er hat nichts daraus gemacht. Heute kann man leicht verständnislos mit dem Kopf schütteln. Er hätte doch einfach… Ja hätte er auch, wenn er das Geld gehabt hätte um eine Fabrik zu bauen. Hatte er aber nicht. War die Idee deswegen schlecht? Nein. Also wenn Sie von so etwas Grandiosem wie einer Nähmaschine träumen oder wie man den Klimawandel stoppt oder Geld vom Himmel regnen lässt, dann schön merken. Das sind die einen Träume.

Die anderen zimmert man sich im Vollbesitz seines wachen Geistes zusammen. Sie heißen nicht umsonst Tagträume. Viele davon vergisst man, als hätte man sie nie gehabt und ist heilfroh, dass man sie für sich behalten hat. Dann gibt es die, die man in die Welt hinausposaunt, um am Ende eine gute Geschichte auf Lager zu haben. Vor allem, wenn man ein: “Bin ich froh, dass nichts daraus geworden ist”, dran hängen kann.

Ich hatte einmal die lustige Idee nach Amerika auszuwandern. Das Ganze hat weniger lustig begonnen. Ich war eine sehr ernste junge Dame, das war ich wirklich, die 1996 keine Lust mehr hatte den Winter in Österreich zu verbringen. Sage ich zu meinem Vater: „Den nächsten Winter verbringe ich nicht in Schnee und Eis“. Ich stand in der Küche, im Haus meiner Eltern im Waldviertel, hatte meine Hände auf dem Fensterbrett abgestützt und starrte durch das Fenster. Draußen hatte es -15 °C und der Wind drohte: „Ich erwische dich doch und dann friere ich dir dein Gesicht ein, krieche oben in die Jacke und mache es mir gemütlich. Du entkommst mir nicht.“
Es war Dezember, und es dämmerte, um 14 Uhr. Ich war 21 Jahre alt und konnte mir etwas Besseres vorstellen. Antwort meines Vaters: „Wann gehst du wohin?“ Einmal sagte mein Vater nicht: „So ein Blödsinn, bleib in der Realität, hör auf zu träumen. Jetzt hatte ich gar keine andere Möglichkeit mehr, als tatsächlich alles in die Wege zu leiten, um im nächsten Winter weit weit weg zu sein.

Also auf nach San Diego Kalifornien. Man kennt das ja, fremd in einem Land, nichts und niemanden kennt man, da freut man sich, wenn man Red Bull und uralte Mannerschnitten im Regal stehen sieht. Ich war besonders schlau und habe mir, damit ich nicht so alleine bin, das schlechte Wetter mitgenommen. Wenn die liebe Susanne nach Amerika reist, um dem schlechten Wetter zu entgehen, dann macht sie das ganz sicher in dem Jahr in dem El Nino sein Unwesen treibt und es regnet und kalt ist. Für Kalifornier. Die bei 12 °C, plus wohlgemerkt, schon teilweise ihre Skihosen ausgepackt haben. Richtig gelesen, Skihose. Ich hatte auch keine Ahnung, dass die so etwas in ihrem Kleiderschrank herumhängen haben. Aber in der Nähe gibt es ein Schigebiet. Wind und Wetter haben dann im Mai beschlossen, dass ich von nun an alleine zurechtkomme und sind abgereist. Ich bin geblieben und wollte noch länger bleiben.
Für immer. Jawohl, auswandern nach Kalifornien. Ich musste zurück nach Österreich fliegen, um alles zu organisieren und ein paar Amerikaner, die ich doch schon ein Jahr kannte und viel Zeit mit ihnen verbracht hatte, hatten mir versprochen, wenn du in 10 Tagen zurückkommst, dann kannst du so lange bei uns wohnen, bis du etwas anderes hast. Ich habe viel Zeit mit ihnen verbracht aber nicht genug um zu bemerken, dass für einen Amerikaner: „Du kannst bei uns wohnen“, genauso viel heißt wie für einen Österreicher „Wir bleiben in Kontakt.“ Nämlich gar nichts. In der Zeit, in der ich in Österreich alles regelte, flitzten die Nachrichten täglich zwischen den Amerikanern und mir hin und her. Per Fax und E-Mail. Das war noch vor Handy und Co. E-Mail gab es schon. Fax war aber zu dem Zeitpunkt noch einfacher. Täglich, habe ich mit ihnen kommuniziert. Täglich habe ich gehört, ja melde dich, wenn du da bist. Ich habe die Flugdaten durchgegeben, es hat geheißen, ich werde abgeholt. Ich wusste sogar von wem, von unserem Kurt Cobain Verschnitt.

In dem Moment in dem ich mit meinem Koffer am Flughafen in San Diego, nach einer pünktlichen Landung um 14 Uhr Ortszeit, die Wartehalle betrat, betrat ich die Welt von Stefan Zweigs, Vergessene Träume. Ja, da stand ich nun. Niemand hat mich abgeholt. Niemand war telefonisch zu erreichen. Ich habe dann 19 Tage in einem Hotel verbracht. Einem ganz kleinen, mit Kakerlaken aber dafür umschmeichelt von der berühmten kalifornischen Sonne am saukalten Pazifischen Ozean. 38 °C im Schatten, den es nicht gab und das Wasser, wie am Ottensteiner Stausee, da hat mich nichts hineingebracht. Ich wollte Österreich ja hinter mir lassen. Das wäre wie ein Verrat an meiner Idee gewesen, wäre ich da hinein gestapft. Es hatte also absolut nichts mit den Wassertemperaturen zu tun.
Ich wusste das Kurt Cobain in der Universität arbeitete, zum musikalischen Durchbruch hat es nicht gereicht und suchte ihn dort auf. Ich sah in ein paar große braune Augen, verblüffte Augen, muss ich dazu sagen. Kein schlechtes Gewissen, kein Wunsch mir zu helfen. Nichts außer: unangehnem, da ich ihn an seinem Arbeitsplatz überfallen hatte. Er war aber großzügig und ich durfte auf Universitätskosten das Internet benutzen.
Gerade, dass er noch gewusst hat, wer ich war. Hätte ich ihm, wie der Mann in der Erzählung von Stefan Zweig eine Visitenkarte von mir überbringen lassen, hätte er wohl auch eine Weile gebraucht um überhaupt in seinem Gehirn den Schlüssel zu des Rätsels Lösung zu finden, wer ich war. Zuerst wollte ich natürlich wissen „warum“. Ich hörte zu und während er Begründung Nummer 829 vom Stapel ließ, turnten meine Gedanken um die Frage „wohin“. Mit mir ins Hotel zu meiner 1 Mio. Dollar Aussicht und mit ihm, samt Amerika, dorthin wo der Yukon River in die Arktik mündet.

Mein Traum war gut, der Lerneffekt groß. Ob die anderen Beteiligten auch etwas gelernt haben? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass mein großspuriger Quartiergeber, mit seiner Freundin zusammen lebte, die in den 90ern, nach 26 Jahren in San Diego noch nie das Meer gesehen hatte und Kurt? Der hat Kalifornien den Rücken gekehrt und ist zuerst nach Hamburg gezogen, also fast in die Arktis um sich über das Wetter zu beschweren. Dann zog es ihn nach Thailand, ans warme Meer. Jedoch ohne Villa und Angestellte. Er hat mich vor ein paar Jahren zu sich eingeladen. Es ist echt toll dort – nehme ich an – ich bin natürlich nicht hin. Den Traum konnte er vergessen.

 

Originaltext

Vergesse Träume von Stefan Zweig