Mein Ende ist unser Beginn h

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Mein Ende ist unser Beginn

Von Susanne Reither

 

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Mein Ende ist unser Beginn

Eine Frau, ein Berg und die unglaubliche Reise zum Ich

 

Der Tod von Tante Evi warf drei Fragen auf: Wo komme ich her, bin ich noch ich und sind meine Eltern noch meine Eltern? Die Reise zu meinen Wurzeln beginnt. Ich wurde bestohlen, musste vor einem wütenden Feuer in die Berge flüchten und stand schließlich dem Sonnengott persönlich gegenüber, der mir alles andere als wohlgesonnen erschien. Oder doch? Anmerkung am Rande: In dem Buch kommt der Farbe Grün eine besondere Bedeutung zu. Diese Bedeutung hat sie aber nicht nur in der fiktiven Geschichte von Franziska, sondern wird in vielen Untersuchungen bestätigt. Grün gilt als eine Farbe die eine besonders entspannende und gesundheitsfördernde Wirkung hat.

 

“Ein fesselnd und liebevoll geschriebener Roman” (Leser).

“Eine spannende Reise von Franziska zu sich selbst. Immer wieder auch mit Humor und originellen Formulierungen” (Leserin).

 

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Leseprobe:

Tante Evi

Ich überlegte schon eine ganze Weile. Wie hieß er? Oder hatte er vielleicht überhaupt keinen Namen? Doch, sicher hatte er einen, jeder hat einen Namen, auch Männer mit verführerischen Muskeln. Nur einfallen wollte er mir nicht. Es bestand durchaus die Möglichkeit, dass er ihn mir gar nicht genannt hatte, bevor wir im Bett gelandet waren. Im Prinzip war es mir auch völlig egal, ob der Adonis Frank oder Richard hieß. Ich würde ihn genauso wenig wiedersehen wie Tante Evi, und schon hatte sich der Gedankenkreis wieder geschlossen. 

Wie immer, wenn ich bei meiner Tante zu Besuch war, saß ich mir den Hintern in dem wuchtigen bordeauxroten Ledersessel platt, der seit gut fünfzig Jahren genau an diesem Platz am Fenster stand. An jenem Tag war trotzdem alles anders. Eine Ära war zu Ende gegangen. Mir war schon klar gewesen, dass nichts für die Ewigkeit war und selbst der härteste Felsen irgendwann den Kampf gegen die Elemente verlieren und als Spielball der Unendlichkeit mitgerissen werden würde. 

Mein Granit war Tante Evi gewesen. Am Tag zuvor hatten wir sie auf dem überschaubaren Südfriedhof der Erde übergeben. Im Grunde war es eine feierliche Zeremonie, die ihr sicherlich gefallen hätte. Als würde er Evi willkommen heißen, hatte der Kastanienbaum, der gewiss schon viel gesehen hatte, seine Blütenblätter heruntertanzen lassen, die das frische Grab weiß verhüllten. Die Erinnerung an diesen Moment ließ mich immer noch lächeln. Das war wohl eines dieser Bilder, die man sich für seine eigene kleine Ewigkeit konserviert. 

Ich hatte nun die undankbare Aufgabe, das Puzzle ihres Lebens in tausend Teile zu zerlegen und dem unvermeidlichen Vergessen zu überlassen. Aus diesem Grund hockte ich in diesem Sessel in ihrem Haus. Nicht, wie Sie vielleicht annehmen, um Abschied zu nehmen, sondern um alles für den Verkauf ihrer Habseligkeiten vorzubereiten. Tante Evi war die ältere Schwester meiner Mutter gewesen und soweit mir bekannt war, gab es außer mir keine lebenden Verwandten. Tante Evi war, wie soll ich sagen, jemand ganz besonderes für mich. Es würde ihr nicht im Geringsten gerecht, sie als die Wurzel zu bezeichnen, die mich nach dem Tod meiner Eltern vor mittlerweile vierzig Jahren am Boden gehalten hatte. Sie war mehr die Hand, die durch den dichtesten Nebel gegriffen hatte, um mit mir gemeinsam auf die Sonne zu warten. 

Wie alt sie war, als sie starb, ist eine knifflige Frage. Tante Evi war eine dieser alterslosen Personen, die wir alle kennen. Zweifellos hatte sie das Licht der Welt einmal erblickt, aber ob das am Todestag Kleopatras oder zur Jahrtausendwende gewesen war, konnte keiner mit Sicherheit sagen. Fragte sie einer wissbegierig nach ihrem Alter, setzte sie ein gewinnendes Lächeln auf und antwortete: „27 und ein bisschen was.“ 

Auch die aus den hundert verborgensten Winkeln der Welt zusammengetragenen Möbel gaben nicht den geringsten Hinweis auf ihr Alter. Auf dem Ledersessel, der mich vor der Welt versteckte, hatte 1628 Sir George gethront, der auf Barbados das britische Empire vertrat. Mit dem Beistelltisch, der gleich danebenstand, teilte er sich lediglich die Farbe. Das etwas wackelige Tischchen war 1966 aus dem Theaterfundus der „Vereinigten Bühnen“ geflogen, da der Schauspieler, der Nestroys Lumpazivagabundus zum Besten gab, sowohl bei der dritten als auch bei der fünften Vorstellung dermaßen schwungvoll dagegen gelaufen war, dass er sich zwei Zehen gebrochen hatte. Für den Schauspieler stand fest, dass ein Fluch auf dem Tischchen lag. Die Zeitungen sprangen auf, spannen die wahnwitzigsten Theorien um das verfluchte Tischchen und füllten auf diese Weise das Sommerloch. Die Schauspielkollegen ließen allerdings durchblicken, dass eher die in der Garderobe geleerten Wodkaflaschen Ursache des Unglücks gewesen sein dürften. Wie auch immer, seit 1966 trieb der Tisch in Tante Evis Wohnzimmer sein Unwesen und diente vor allem der faustgroßen Silberkugel als Heimat, die ich in all den Jahren nicht einmal in Händen hatte halten dürfen. Heute hindert Tante Evi mich nicht daran, dachte ich, und schnitt meinem zu einem Ei verzerrten Spiegelbild eine Grimasse. 

Zu meiner Begeisterung sprangen mir auch wieder die lästigen Gedanken über den Tod entgegen. Die hartnäckigste Angst von allen war, dass der Name Neumayer zusammen mit mir solange von Bakterien zersetzt werden würde, bis er nur noch eine verwitterte Gravur auf meinem Grabstein war.

Die Kugel, die in meiner Erinnerung nicht mehr als eine Billardkugel wog, drückte mir augenblicklich die Hand in den Schoß. Möglicherweise war das ein Gruß von Tante Evi. „Wenn die Zeit gekommen ist, wird die Kugel eine wichtige Rolle in deinem Leben spielen. Aber erst dann.“ Mit diesen Worten hatte sie mir die Kugel jedes Mal, wenn sie mich beim Spielen damit erwischt hatte, aus der Hand genommen. Ich hatte die Kugel dann immer artig zurück auf das grüne Zierdeckchen auf dem Tisch gelegt. Ich muss sicher nicht erwähnen, dass die Kugel wie alles Verbotene nie ihre Anziehungskraft auf mich eingebüßt hatte. 

An diesem Morgen nach dem Begräbnis stellte ich mir mit der Kugel in den Händen die Frage, ob die Zeit jetzt gekommen war. Wenn nicht jetzt, wann dann? Wie bereits hunderte Male zuvor schüttelte ich die Kugel ungeduldig und wie die anderen Male auch antwortete diese prompt mit dem üblichen ungeduldigen Kratzen. Es war dieses Kratzen, das meine Fantasie seit gut 50 Jahren auf Trab hielt. Da war etwas in der Kugel und ich wollte unbedingt herausfinden, wie das Ding da hineingekommen war. Ich wollte den Weg wissen. Was da im Inneren hin und her rutschte, war, um die Wahrheit zu sagen, nebensächlich. 

Doch die Kugel weigerte sich hartnäckig, ihr Geheimnis preiszugeben. Wieder einmal betastete ich die Hülle, als würde ich einen Schneeball formen. Doch diesmal fühlte ich nicht nur die Kälte des Metalls, sondern noch etwas anderes. Da war ein zwirndicker Riss, der die Kugel in zwei Hälften teilte. Ich konnte ihn nicht sehen, nur fühlen. Die Kugel schien aus einem Stück gegossen zu sein, zumindest wenn man sie aus einem Meter Entfernung betrachtete. Mit jedem Zentimeter, den die Kugel sich meinen Augen näherte, verschwamm sie etwas mehr. Ich hörte mich noch „Du Scheißding, ich brauche keine Brille!“, brüllen, bevor die Kugel in hohem Bogen quer durch den Raum flog. Ich schloss die Augen, hielt die Luft an und sah mich bereits die Mauer ausbessern, die ihren Flug zweifellos unsanft stoppen würde. Zuerst schepperte es, dann knallte die Kugel auf den Boden, dann klirrte es erneut und danach kam die Stille. 

Erst als ich ganz sicher war, dass es auch still bleiben würde, öffnete ich widerstrebend die Augen und besah den Schaden. Zielsicher hatte ich mit der Kugel das einzige Bild an der Wand getroffen. Der Kunstdruck von Van Goghs Sonnenblumen lag auf dem Boden, mitten unter den Tausenden winzigen Scherben des Bilderrahmens.

Mehr als ein „Uups“ fiel mir zuerst nicht ein. Erst bei genauerem Hinsehen bemerkte ich: Die Kugel war zerbrochen. Es lagen eindeutig zwei silberne Hälften nebeneinander auf Tante Evis heißgeliebtem rotschwarzgeknüpftem Teppich. Mehr konnte ich aus meiner lümmelnden Position beim besten Willen nicht erkennen. 

Der Gedanke, dass ich den Moment des Triumphes über die Kugel auskosten wollte, liegt verständlicherweise nahe, aber so war es nicht. Zuerst war da nur Verwunderung darüber, dass sich mein Wunsch erfüllt hatte. Sie kennen sicher das Gefühl, wenn man sich etwas mit voller Überzeugung herbeisehnt und beharrlich mit diesem speziellen Gefühl im Bauch wartet. Nur um dann ziemlich dumm aus der Wäsche zu schauen, wenn die Geduld unerwartet belohnt wird. Die Frage, die, wenn auch nur für eine Sekunde, alles überschattet, machte auch vor mir nicht halt: Was kommt jetzt? 

Ich saß also in meinem Sessel, starrte auf die zerbrochene Kugel und wartete auf die feierliche Fanfare, die das wichtige, wenn nicht sogar lebensverändernde Ereignis einleitete, das Tante Evi so geheimnisvoll angekündigt hatte. Doch das einzig Bewegende in dem Moment war mein schlechtes Gewissen meiner Tante gegenüber, da ihr Teppich dank der Scherben glitzerte und funkelte wie Schnee in der Morgensonne. 

Mit einem Ruck hievte ich mich aus dem Sessel. Für den nächsten Tag hatte sich ein Paar angekündigt, um das Haus zu besichtigen. Es war also ganz in meinem Interesse, das Chaos zu beseitigen.

Ich fand mich mitten in dem Scherbenmeer wieder, aus dem ich die Teile der Kugel fischte. Bisher war ich felsenfest davon ausgegangen, dass ich in der Kugel etwas finden würde. Sollte dort etwas gewesen sein, lag es jetzt entweder mitten unter den Scherben oder auf dem Grund des Teppichs, zwischen Bröseln und Kartoffelchips. Beides machte die Sache schon allein deshalb nicht besser, weil ich keine Ahnung hatte, wonach ich überhaupt suchte. 

Schräg vor meinem rechten Fuß lag tatsächlich ein Chip. Allerdings ein grüner, der bei einem Casinobesuch übriggeblieben sein musste. Glück im Spiel, Pech in der Liebe, dachte ich und hob ihn auf. Der Jeton war schwerer, als ich erwartet hatte. Die Erklärung für sein Übergewicht klebte auf der Rückseite. Tante Evi hatte dort einen winzigen goldenen Schlüssel feinsäuberlich mit zwei Klebestreifen befestigt. Einen Schlüssel mit einer liebevoll gearbeiteten Räute, wie sie im frühen 20. Jahrhundert noch Standard war, was sich aber heute niemand mehr leistete. Ich löste die Klebestreifen und befreite den kaum zwei Zentimeter großen Schlüssel aus seinem Gefängnis. 

Mehr fand ich nicht. Egal wie oft ich den Jeton drehte, wendete und, als mir gar nichts mehr einfiel, schüttelte, es fand sich kein Hinweis auf das Schloss, zu dem der Schlüssel gehörte. Es musste sich um etwas Wichtiges handeln, wenn Tante Evi ein Geheimnis aus der Sache machte. Warum hatte sie nicht einfach ein Bankschließfach gemietet oder ihren eigenen Safe im Keller benutzt? Ich war mir sicher, dass es etwas mit mir zu tun hatte und grübelte eine Weile vor mich hin. Ob sie vorhatte mich einzuweihen? Vielleicht war ihr der Tod blöderweise zuvorgekommen? 

Aus Mangel an Ideen begutachtete ich den Schlüssel genauer. Ich hielt ihn mir in gebührendem Abstand vor die Augen. Es stellte sich als Glück heraus, dass ich keine Brille hatte, denn sonst wäre die Geschichte hier zu Ende gewesen. So aber hielt ich den Schlüssel so weit von meinen Augen entfernt wie meine Arme lang waren. 

Am Schlüssel fiel mir nichts auf, aber es war unmöglich, die rollende Bar im Hintergrund zu übersehen. Das Jugendstilstück stand wie zufällig da, wo es stand. Es hatte den Anschein, als wäre Tante Evi gerade dabei gewesen, es an seinen angestammten Platz zu schieben, als ihr mittendrin einfiel, dass die Milch überkochte. 

Der Barwagen war gut bestückt. Bis auf den Gin waren alle Flaschen ungeöffnet. Eins von Tante Evis abendlichen Ritualen war es gewesen, sich einen Drink zu genehmigen. Allerdings trank sie immer nur aus einem Grappaglas. Ihrer Überzeugung nach nahm eine Lady nur einen kleinen Schluck. Die Frage, ob der Schluck aus einem Ginglas oder einem Grappaglas größer war, überging Tante Evi geflissentlich, indem sie einen zweiten Schluck zu sich nahm. Natürlich nur einen ganz Kleinen. 

Ich brach die Whiskyflasche an und goss mir großzügig ein. In Gedanken stieß ich mit Tante Evi an und zum ersten Mal widersprach sie nicht und hielt keine flammende Rede, in der sie farbenfroh und detailreich beschrieb, wie Alkohol Menschen in reißende Wehrwölfe verwandelt, die nachts den Mond anheulen. Mein Trinkvergnügen war ungestört. Und es bescherte mir einen Geistesblitz. 

Ich ging zum Sideboard im Esszimmer. Für mich gab es im Haus meiner Tante genau drei Verbote: die Kugel, Alkohol und die verschlossene Holzschatulle in eben diesem Sideboard. Wie oft ich auch danach fragte, Tante Evi war stur bei ihrem Nein geblieben. Im Laufe der Jahre verwandelte sich das kommentarlose Nein in ein: „Wenn ich doch nur den Schlüssel finden würde.“ 

Ich entledigte mich meines Glases, indem ich es mit meinen alkoholbedingten Werwolfkräften so auf die Holzkommode knallte, dass die Glasscheiben klirrten. Hinter verstaubtem Porzellan fand ich die Holzkiste, die mein Urgroßvater geschnitzt hatte. Wie erwartet, war sie verschlossen und es war offensichtlich, dass nur ein sehr kleiner Schlüssel sie öffnen könnte. So ein kleiner wie der, den ich in der Hand hielt. Mein Herz schlug schneller. Wenn Tante Evi die ganze Zeit gewusst hatte, wo der Schlüssel war, was sollte dann das Märchen, das sie mir seit jeher aufgetischt hatte? Märchen hatten üblicherweise ein Happy End. 

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