Susanne Reither

Über das Loslassen

Über das Loslassen: eine Betrachtungsweise mit Humor und Augenzwinkern

Es ist durchaus sinnvoll, nicht ständig altes loszulassen und Neuem nachzurennen. Ich meine, wir haben vor laaaanger, laaaanger Zeit gelernt, dass es nicht allzu schlau ist, sich vom roten Feuerschein einschließen zu lassen. Ja, wir wissen – es brennt, also nimm die Beine in die Hand. Sollte man zumindest meinen. Außer man wohnt irgendwo in einer fünf Millionen Euro Villa, es bricht ein wütender unkontrollierbarer Waldbrand aus und die Flammen knabbern schon am Knusper Knusper Häuschen. Dann ist es natürlich über die Maßen sinnvoll sich auf den Balkon zu stellen und dem Schauspiel mit vor der Brust verschränkten Armen, in der ersten Reihe beizuwohnen. Dieses “Mir passiert schon nix”, denken, müssen wir auch irgendwann einmal vererbt bekommen haben. Zwischen der Hochblüte der Säbelzahntiger und dem Verlassen der zugigen Höhlenwohnung.

Die ersten Menschen, die sich geweigert hatten weiterhin in einer Höhle, ohne Tür zu wohnen, wurden sicher auch für verrückt erklärt. So war das schon immer. Zuerst ist man verrückt, was die Trendsetter nicht interessiert, dann springen die ersten auf den Zug auf, dann wollen es alle haben und dann bricht der große Neid aus. Das Judenmädchen im Märchen von Hans Christian Andersen wäre fast zur Trendsetterin geworden. Hätte ihre Mutter nicht dazwischen gefunkt, aus dem Jenseits. Meinungen und Traditionen werden tatsächlich von Generation zu Generation weitergegeben und sind gar nicht so leicht auszulöschen. Sonst hätte die DNA einen großen Bereich ihrer Daseinsberechtigung eingebüßt und die ist, was das betrifft, ziemlich heikel.

Man muss schon sehr mutig und verwegen sein, um dem Gedanken, dass die Erde keine Scheibe ist und noch dazu um die Sonne kreist in seinem eigenen egozentrischen Weltbild das Köpfchen zu öffnen. Wir lassen nichts freiwillig los, außer es ist praktisch. Das Plumpsklo z. B. oder die Pferdekutsche, oder unser Gehirn. Wer braucht diese Masse da oben in seinem Kopf denn noch, seit es Wikipedia gibt und Taschenrechner und Einkaufslisten und Kontaktlisten im Handy? Dem Himmel sei Dank.

Verändern sollen sich die anderen. Wir lassen also Dinge los, die unpraktisch sind. Wir lassen Dinge los, die unbequem sind. Helfen z.b. Wehe man hört etwas von armen Tieren oder hungernden Menschen dann geht das Geschrei los. Eifrig wird gepostet, wie kann man so etwas nur zu lassen. Wieso tut keiner etwas? Ja warum denn nicht? Warum erfrieren Obdachlose im Winter? Weil wieder keiner beim Kältetelefon angerufen hat. War zu kalt um die Finger aus der Jacke zu nehmen und das Handy zu zücken. Ich verstehe.

Da geht es uns dann so, wie den bösen Stiefschwestern von Aschenputtel. Die haben etwas losgelassen und das sogar freiwillig, die eine ihre Zehen und die andere ihre Ferse und was hatten sie davon? Nix, außer Blut im Schuh. Sie haben dann wohl an der falschen Stelle losgelassen. Dabei war das noch vor Wikipedia und dem Smartphone. Die Sache mit dem Gehirn dürfte schon viel früher begonnen haben, als bisher angenommen.

Ja, was sich als praktisch erweist vererbt sich von Generation zu Generation weiter. Ich bin ich, du bist nix und was mir gehört gehört mir und was ich wirklich möchte, bekomme ich nicht. Wobei, an dieser Stelle würde die Prinzessin aus dem Froschkönig das Pfötchen heben und Einspruch Euer Ehren sagen wenn sie nicht so weit weg wohnen würde irgendwo auf der anderen Seite des weißen Lichtes. Vielleicht wurde sie auch von Außerirdischen entführt. Macht nichts.

Die Sache ist gar nicht so kompliziert. Das Prinzesschen, lässt ihre goldene Kugel in den Brunnen fallen. Platsch, und schon schließt sich die Wasseroberfläche und weg ist das Ding. Prinzesschen heult und schluchzt und jammert und alles, was sie will ist diese Kugel wieder zurück. Sie ist ihr Ein und Alles. Niemals würde sie diese loslassen. Niemals. Dann kommt der Frosch herbeigeeilt und will ihr helfen. Die Prinzessin gar nicht dumm, verspricht ihm alles. Siehe da, das Fröschchen bringt die goldene Kugel wieder herauf. Happy hüpft die Prinzessin davon, sie hat die Kugel wieder. Weniger Happy hüpft der Frosch hinter ihr her, der Weg ist weit. Noch weniger Happy muss sie jetzt den Frosch durchfüttern und beherbergen. Ja es kann anstrengend sein, wenn man unbedingt etwas zurück haben möchte, das eigentlich schon längst woanders sein sollte. Wenn man den Wink mit dem Zaunpfahl nicht verstehen will, dann bekommt man diesen vor den Latz geknallt.

Was macht die Prinzessin? Sie hat keine Lust und klatscht den Frosch an die Wand. Der verwandelt sich in einen Prinzen, der dann die ganze Nacht mit der Prinzessin verbringt. So wie es sich, seit unzählbaren Generationen gehört, verdonnert der König, den Prinz dazu die Prinzessin zu heiraten.

Was lernen wir daraus? Jeder bekommt das, was er wirklich will. Der Prinzessin wurde bereits, vor ihrer Geburt, eingetrichtert, dass sie unbedingt einen Prinzen heiraten möchte. Der Prinz wollte kein Frosch mehr sein. Und der König war froh, das verwöhnte Töchterchen unter der Haube zu wissen. Was wurde aus der goldenen Kugel? Keine Ahnung, die hat plötzlich niemanden mehr interessiert. Man sollte also Vorsicht beim Wünschen walten lassen. Hiermit wäre aber auch bewiesen, dass man das bekommt, was man sich wünscht und dass man sich viel Drama ersparen könnte, wenn man gleich loslässt, was einem im Weg steht. Obwohl, Gold soll eine gute Wertanlage sein. Wurde zumindest immer wieder behauptet.

Es ist durchaus sinnvoll, nicht ständig altes loszulassen und Neuem nachzurennen. Ich meine, wir haben vor laaaanger, laaaanger Zeit gelernt, dass es nicht allzu schlau ist, sich vom roten Feuerschein einschließen zu lassen. Ja, wir wissen – es brennt, also nimm die Beine in die Hand. Sollte man zumindest meinen.

Originaltexte: