Susanne Reither

Unzählige Möglichkeiten

Das Leben besteht aus unerschöpflichen Gelegenheiten und Optionen, die man nur ergreifen und nutzen muss. Ich höre Sie denken: „Jetzt fängt die auch noch so an“. Ja, tut sie aber keine Sorge, ich erzähle Ihnen vorerst nichts von all den wunderbaren Möglichkeiten, die man doch nur ergreifen muss. Bevor man irgendetwas ergreifen kann, muss sich dieses irgendwas erst einmal bieten und das kann man sich unter Umständen vorerst abschminken. Fragen Sie einmal Aschenputtel, wie das so ist mit den Chancen im Leben.

In Wirklichkeit steckt das Leben voller sich selbst erfüllender Prophezeiungen, wie die Psychologie dieses Phänomen nennt. Sprich, das, was Sie erwarten, bekommen Sie auch wohlerzogen serviert. Erwarten Sie z.b., dass sich Ihr Nachbar wie ein Vollidiot benimmt, dann wird er das auch tun. Extra für Sie, der brave Mann. Nein im Ernst. Man richtet seinen Fokus, seinen Blick auf das, was man erwartet und beweist sich dann eifrig, dass man recht hat. Nehmen wir einmal an, ein Bekannter erzählt Ihnen von einer ganz lieben, etwas übergewichtigen 60-jährigen Dame, die eine Wohnung zu vermieten hat. Sie denken sich „Juhuu, weg vom Idiotennachbar“. Sie greifen zum Handy und rufen die quirlige Frau an. Sie nicht blöd, wollen die Frau zum Essen einladen um Ihre Chancen auf die Wohnung, es ist die absolute Traumwohnung, zu erhöhen. Wenn ich Sie nach dem Telefonat frage, ob Sie Ihre Gesprächspartnerin für übergewichtig, untergewichtig oder normal gewichtig halten, werden Sie zielsicher sagen, Sie werden sich zu 100 % sicher sein, dass Sie mit einer molligen Dame gesprochen haben. Sie werden Ihren Verdacht sogar stichhaltig beweisen können. Nicht, weil Sie sich auf Ihren Bekannten berufen, sondern weil Sie davon ausgehen, dass er recht hat, und somit alles was die Frau sagt, in diese Richtung deuten werden. Sie wollten die Frau zum Essen einladen und sie gibt Ihnen einen Korb. In Ihrem Kopf werden sich Gedanken formieren oder das Gefühl einschleichen, dass der 60-Jährigen, ihr Gewicht unangenehm ist oder sie gerade abnehmen möchte. Im weiteren Verlauf des Gespräches werden Sie wie ein fleißiges Bienchen nach weiteren Beweisen dafür suchen, dass Sie recht haben. Auch, wenn die Frau in Wirklichkeit untergewichtig ist und aus anderen Gründen ablehnt. So ist das auch mit Chancen und Möglichkeiten.

Wer negativ ist, erwartet negatives und bekommt negatives und das mitunter sehr nachhaltig. Es kann ein weiter Weg zum berühmten „Aha“ Erlebnis sein. Bis man dann den Spieß umdrehen kann. So wie Aschenputtel. Zuerst war sie traurig, da ihre Mutter verstorben ist. Klar. Daraufhin bekommt sie die Stiefmutter samt Schwestern vor die Nase gesetzt. Aschenputtels Vorteil und Glück waren, dass sie fest daran geglaubt hat, dass ihr ihre Mutter helfen wird und dass genau deshalb alles gut werden wird und zack. Da kam das Glück, ausgerechnet in Form von Schuhen. Viele Frauen werden das jetzt nachvollziehen können und zack hat das Glücksgefühl weitere Chance angezogen, positive und voilà Aschenputtel hat diese ergriffen. Nicht auszudenken, wenn sie nicht über ihren Schatten gesprungen wäre.

Das funktioniert nicht nur im Märchen. Also zumindest der Teil mit positives und negatives. Mit Prinzen und Königen kenne ich mich nicht. Ich war 17, als mein Leben begann ungemütlich zu werden. Die chronische Depression hatte begonnen und, wie Sie sich vorstellen können, war mein Kopf voller düsterer und negativer Gedanken und Zukunftsvorstellungen. Dann die Chance. Raus aus dem Internat. Ich muss dazu sagen, ich musste das Internat, der armen Schulschwestern (die heißen wirklich so) damals verlassen, da meine Erzieherin keinen depressiven Zögling wollte. Ich wurde also aus dem Internat geschmissen und dann wurde es so richtig „spaßig“.

Wir schreiben das Jahr 1993. Wir befinden uns in Amstetten, einer kleinen idyllischen Stadt in Niederösterreich, der ich bereits damals nichts Freundliches nachsagen konnte und ergriff die erste Chance, die sich mir geboten hat. Bevor ich noch wusste, wie mir geschah, stand ich meinem neuen Vermieter gegenüber. Ich hatte es tatsächlich geschafft – mir ausgerechnet eine Wohnung in einem Haus zu suchen, das viele Jahre später zu trauriger Berühmtheit gelangen, sollte unter dem Namen „Amstettner Horrorhaus“. Der Hauseigentümer und mein Vermieter war niemand anderer als Josef Fritzl. Der Josef Fritzl der seine Tochter 24 Jahre im Keller eingesperrt hat, der Josef Fritzl, der mit seiner eigenen Tochter 7 Kinder gezeugt hat. Wahrscheinlich hätte mich die Zeit in diesem Haus nicht so nachhaltig negativ beeinflusst, wenn ich nicht bereits unter Depressionen gelitten hätte. Ich war negativ, ich habe negatives bekommen, ich habe weiter negatives erwartet und die Spirale hat sich weiter nach unten gedreht. Ich habe lange den Zusammenhang zwischen dem Haus in Amstetten und anderer Lebens-prägender Ereignisse nicht gesehen.

Der Prozess der Erkenntnis, der im Gegensatz zu seinem Ruf, nicht immer schmerzhaft sein muss, ist aber unbedingt nötig um den Kreislauf zu durchbrechen und wie Aschenputtel, bei ihr waren es Vögel die ihr beim Linsenlesen geholfen haben, kleine Helfer in sein Leben holen zu können. Und dann fallen ganz unerwartet ganz besondere Schuhe vom Himmel.